Pudding: Vom Privileg der Reichen zum Massenprodukt

Bundesweit erste Ausstellung zur Kulturgeschichte der Süßspeisen im Historischen Museum Bielefeld

(10.03.2004) Seinem verführerischen Duft nach Vanille oder Schokolade und seinem zarten Schmelz kann kaum jemand widerstehen: Pudding ist buchstäblich in aller Munde. Die Süßspeise, die für uns als Krönung eines schönen Mahls oder als kleiner Leckerbissen zwischendurch selbstverständlich ist, war lange Zeit ein Luxusartikel. Als bundesweit erstes Museum befasst sich das Historische Museum Bielefeld mit der Entwicklung der Süßspeisen vom Privileg der Reichen zum Massenprodukt. In der Ausstellung „Pudding! – Vom süßen Leben im Industriezeitalter“ können die Besucher vom 18. April bis zum 3. Oktober 2004 durch riesige, begehbare Puddingpackungen wandeln und die Kulturgeschichte des Desserts mit allen Sinnen erleben.

„Die wesentliche Zutat des Puddings, der Zucker, war bis ins 19. Jahrhundert eine Kostbarkeit, in deren Genuss nur der Adel und das Großbürgertum kamen“, sagt Dr. Cornelia Foerster, Direktorin des Historischen Museums Bielefeld. Zwar begann der Import von Rohrzucker aus Asien nach Mitteleuropa bereits während der Kreuzzüge, doch blieb die mit hohen Zöllen belegte Schiffsfracht für die meisten Menschen unerschwinglich. „Im 15. Jahrhundert kosteten vier Kilogramm Zucker soviel wie ein Rind“, erläutert die Museumsleiterin.

Doch dann, im Jahre 1747, entdeckte der deutsche Chemiker Andreas Sigismund Marggraf den Zucker in der Rübe – und läutete damit eine wahre Ernährungsrevolution ein. 1801 wurde in Schlesien die erste Rübenzuckerfabrik der Welt errichtet. Mit der Industrialisierung der Produktion seit der Mitte des 19. Jahrhunderts verlor der Zucker vollends seinen Luxusstatus und versüßte fortan das Leben aller Bevölkerungsschichten.

Wenig später begünstigte das von dem Franzosen Louis Pasteur entwickelte Verfahren der Milchkonservierung den Siegeszug des Puddings. Auf der Weltausstellung in Paris im Jahre 1878 stellte die Firma Meine & Liebig aus Hannover ihr Puddingpulver vor, das schnell reißenden Absatz fand. Und seit 1894 bot auch jener Apotheker Puddingpulver an, der den Ruf Bielefelds als „Puddingstadt“ begründete: Dr. August Oetker.

Bereits 1926 verließen täglich 2 Millionen Päckchen Puddingpulver mit der Silhouette des Frauenkopfes das Oetker-Werk. „Der große Verkaufserfolg ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass Oetker schon sehr früh auf Werbung setzte“, betont Dr. Cornelia Foerster. Der erste Dr. Oetker-Werbefilm wurde 1911 gedreht und gilt als erster kommerzieller Trickfilm in Deutschland. Der geschäftstüchtige Backpulver- und Puddingfabrikant gab Zeitungsannoncen auf, bedruckte die Papiertütchen mit Rezepten, veröffentlichte Koch- und Backbücher. Seit den 1930er Jahren schickte er Werbewagen mit eingebauter Küche in die entlegensten Dörfer. Auf den Marktplätzen zeigten die Außendienstmitarbeiter kurze Filme und verteilten süße Kostproben.

Die Ausstellung im Historischen Museum Bielefeld zeigt den Pudding auch als Spiegel gesellschaftlicher Veränderungen. Auf die zunehmende Berufstätigkeit der Frauen reagierten die Hersteller Mitte der 1950er Jahre mit dem Instant-Pudding, der ohne Kochen innerhalb von einer Minute zubereitet wurde. Und für die ganz Eiligen gibt es seit 1969 den Fertig-Pudding aus dem Kühlregal.



Historisches Museum Bielefeld
Ravensberger Park 2
33607 Bielefeld
Telefon: (05 21) 51 36 30
historisches.museum@bielefeld.de
Externer Link www.historisches-museum-bielefeld.de
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 10 bis 17 Uhr,
Samstag und Sonntag 11 bis 18 Uhr


Handabfüllung bei Dr. Oetker, 1906

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Bild: Historisches Museum Bielefeld

Werbeaufsteller der Firma Töllner,
um 1960

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Bild: Axel Grünewald