Alle Kinder mitnehmen

Bielefelder Verein TABULA e. V. wirkt der Bildungsarmut von Kindern entgegen / Aus gesammelter Zeit wird handfeste Bildung

(16.12.2009) „Bildungsarmut ist die schlimmste Armut, die es gibt.“ Dr. Annemarie von der Groeben verfolgt ein ehrgeiziges Ziel. Sie und ihre Mitstreiter im gemeinnützigen Verein TABULA e. V. wollen der zunehmenden Bildungsarmut entgegenwirken und in Bielefeld ein Modellprojekt für ganz Deutschland etablieren: „Wir sammeln Zeit und machen daraus Bildung.“ Mit finanzieller Unterstützung durch die Gütersloher Familie-Osthushenrich-Stiftung, in Kooperation mit der Bielefelder Bürgerstiftung und weiteren Stiftungen, mit kommunalen Einrichtungen und Schulen sowie mit der Universität und der Fachhochschule Bielefeld fördert das Projekt Schulkinder und Jugendliche mit individuellen Angeboten. Das langfristige Ziel wird mit drei Worten beschrieben: „Alle Kinder mitnehmen“.

TABULA ist eine Bürgerinitiative. Ihr gehören Menschen an, die sich besonders für Kinder und Jugendliche und für deren Bildung engagieren: Profis aus unterschiedlichen Berufen, erfahrene, meist pensionierte Lehrerinnen und Lehrer, aber auch Auszubildende und Studierende. Sie geben in Teams Erfahrungen an Kinder weiter, die Hilfe brauchen, um die Schule gut zu bestehen. Gleichzeitig sollen die Heranwachsenden Erfahrungen machen dürfen, die sie sonst nicht machen könnten – etwa weil sie Probleme mit der deutschen Sprache haben. Oder weil ihnen die Eltern nicht das ermöglichen können, was in anderen Familien selbstverständlich ist. Die Mädchen und Jungen sollen herausfinden dürfen, was in ihnen steckt, und dabei viel lernen.

Die Tätigkeit der Erwachsenen ist ehrenamtlich. Zum Beispiel bei den Lernpartnerschaften: Mitglieder von TABULA gehen in Grund- und Hauptschulen oder arbeiten außerhalb der Unterrichtszeit mit mehr als 100 Bielefelder Kindern und Jugendlichen. Sie helfen ihnen, die laufenden Anforderungen zu bewältigen, sind Lesepatinnen, betreuen Hausaufgaben oder bieten Trainingskurse in Deutsch, Englisch oder Mathematik. Die Kurse sind als Schulveranstaltungen anerkannt.

Die Stadt entdecken und dabei Deutsch lernen
Darüber hinaus gibt es zahlreiche außerschulische Angebote in den Bereichen Sport, Kunst, Literatur, Theater, Musik, Natur- und Stadterkundung, Kochen oder Medien. Diese Kurse finden an schulfreien Nachmittagen, an Wochenenden oder in den Ferien statt. Dann wird zum Beispiel das Entdecken des Umfeldes mit Sprachvermittlung kombiniert. Im Tierpark geht es um Wörter aus der Natur und der Tierwelt. Beim Bummel über den Bielefelder Markt werden Grundbegriffe des Einkaufs vermitteln. In der Universität Bielefeld können die Kinder schon mal Hochschulluft schnuppern und in der Schüco-Arena geht es um Arminia Bielefeld, um Sport und Kameradschaft. Nahezu 150 Kinder haben 2009 von den vielfältigen Projekten profitiert.

Die Zusammenarbeit mit TABULA wurde vor drei Jahren in einer Hauptschule und in zwei Grundschulen gestartet. Dort hatte die Initiative, in Absprache mit der Schulleitung, dem Kollegium ihr Konzept vorgestellt und Kooperationsvereinbarungen getroffen, über die auch die Eltern informiert wurden. Die Eltern spielen naturgemäß eine große Rolle, aber die Kontakte laufen in der Regel über die Schulen. Annemarie von der Groeben: „Briefe zu schreiben bringt nichts – die werden nicht gelesen. Und wenn wir in den Familien anrufen, sind die Kinder am Telefon. Ein großes, bislang ungelöstes Problem, da unsere Kapazitäten begrenzt sind.“

Natürlich sind alle Aktivitäten mit dem Bielefelder Schulamt und der Bezirksregierung in Detmold abgestimmt, „wir sind ja Schulfachleute“, sagt Annemarie von der Groeben selbstbewusst. Ein typisches Beispiel: TABULA unterstützt die Lehrerin einer Auffang-Förderklasse für kurdische Jugendliche, in der es erst einmal ganz banal darum geht, den Mädchen und Jungen die Grundstrukturen der deutschen Sprache zu vermitteln und sie bei ihren ersten Ausflügen in der für sie neuen Stadt zu begleiten.

Schulischer Leistungsdruck ist bei TABULA tabu
Die langjährige Didaktische Leiterin der bundesweit bekannten Bielefelder Laborschule (1988-2006) profitiert von ihren Kontakten zur Universität Bielefeld. Auf Initiative des ehemaligen Kanzlers und stellvertretenden TABULA-Vorsitzenden Karl Hermann Huvendick konnte eine Kooperation ausgehandelt werden, bei der sich im Rahmen von zwei Lehraufträgen jeweils 50 junge Leute – meist angehende Lehrer – zwei Semester lang mit einem Kind beschäftigen. Für jedes Kind soll es eine Art Bildungsentwurf für ein Jahr geben. Eine Win-win-Situation für beide Seiten. Auch für Annemarie von der Groeben persönlich: Sie ist jetzt 68 Jahre alt und will den Kontakt zu Jüngeren halten. „Mein Alterswerk“ nennt sie halbwegs ironisch ihr Engagement bei TABULA. Sie liebt ihren Beruf und findet es daher bedauerlich, dass viele Lehrerinnen und Lehrer zwar gerne weiter mit Kindern und Jugendlichen arbeiten möchten, nach dem offiziellen Abschied aus dem Schuldienst aber nichts mehr mit dem System Schule zu tun haben wollen.

Die Bielefelder Gesellschaft für Arbeits- und Berufsförderung (GAB) hat auf ihrem Gelände das Haus „Alte Messe“ als Treffpunkt und Versammlungsort für TABULA zur Verfügung gestellt. Mit Unterstützung der Familie-Osthushenrich-Stiftung wurde zusätzlich eine Wohnung angemietet. Die Teilnahme der Kinder an sämtlichen Angeboten ist freiwillig. Den typischen Leistungsdruck der Schule soll es bei TABULA nicht geben. Die erfahrene Pädagogin Annemarie von der Groeben betont allerdings: „Alle sind eingeladen, aber wer kommt, muss auch dranbleiben.“

Annemarie von der Groeben ist Realistin. „Bei vielen Kindern und Jugendlichen werden wir auf eine harte Geduldsprobe gestellt, sie sind nicht alle pflegeleicht. Und Dankbarkeit darf niemand erwarten.“ Dafür das gute Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. „Wir müssen uns auch vor einer Haltung der besserwissenden und mehrkönnenden Erwachsenen hüten. Vielmehr müssen wir vermitteln: Wir brauchen Euch, denn Ihr seid unsere Zukunft.“

Bildung als Auftrag für die ganze Gesellschaft
Die Schulen allein sind längst nicht mehr in der Lage, die vielfältigen Aufgaben zu lösen, die die Gesellschaft ihnen aufbürdet. Davon ist Anja Böllhoff überzeugt. Die Vorsitzende der Bielefelder Bürgerstiftung unterstützt TABULA, wo es geht und will alle Kinder mitnehmen: „Wir müssen die wachsende Ungleichheit bei den Startchancen der Kinder in den Griff bekommen. Das ist aber eine Aufgabe, die uns alle angeht – Schulen sind nicht dazu da, Ungleichheiten auszubügeln, die aufgrund familiärer Situationen entstehen. Deshalb versuchen wir, die Lehrkräfte zu entlasten und zusätzliche Unterstützung für Kinder zu organisieren, die zu Hause keine Hilfe haben.“

TABULA und die vielen anderen Aktivitäten der Bielefelder Bürgerstiftung für Kinder haben einen hohen Anspruch: Die Organisation von Bildung als Auftrag für die ganze Gesellschaft. Bildung wird nicht nur im Unterricht vermittelt, sondern zuallererst im Leben, durch unmittelbare Erfahrung. Dahinter steht die Idee von der sinnvollen Vernetzung vieler Akteure in der Großstadt: Kinderschutzbund, Sportbund, Arbeiterwohlfahrt, Mädchentreff, diverse Stiftungen und viele weitere Einrichtungen, die vom bürgerschaftlichen Engagement leben. So könnte durch die Aktivitäten der Bielefelder Bürgerstiftung die Keimzelle eines neuartigen Bildungsbündnisses entstehen.

Die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung begleitet das Projekt „Alle Kinder mitnehmen“ interessiert. Mit Universität und Fachhochschule Bielefeld ist eine Evaluation verabredet, um die Arbeit auch wissenschaftlich seriös zu begleiten. „Kinder brauchen, um unter guten Bedingungen aufwachsen und lernen zu können, vor allem viel Zeit und Zuwendung von Erwachsenen. Sie brauchen herausfordernde Lerngelegenheiten, Anregungen und spannende Erfahrungen“, fasst Annemarie von der Groeben zusammen. Dafür steht auch der Name TABULA. Das lateinische Wort für „Tafel“ und „Tisch“ erinnert an Schule und Übung, aber auch daran, dass der Bildungstisch eine reich gedeckte Tafel sein soll, die bekömmliche Nahrung, individuellen Genuss und gesellige Kultur bereit hält. (8.006 Zeichen mit Leerzeichen)

TABULA e. V.
Ellerstraße 29
33615 Bielefeld
Telefon 0521 – 3998212 (dienstags und donnerstags von 10 bis 13 Uhr)
Externer Link info@tabula-bildungsinitiative.de
Externer Link www.tabula-bildungsinitiative.de

Kontakt:




„Wir sammeln Zeit und machen daraus Bildung.“ Dr. Annemarie von der Groeben (l.) vom Bielefelder Verein TABULA und Anja Böllhoff, Vorsitzende der Bielefelder Bürgerstiftung, verfolgen ein gemeinsames Ziel. Sie wollen ein Modellprojekt für ganz Deutschland etablieren, denn: „Bildungsarmut ist die schlimmste Armut, die es gibt.“

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Bild: Sandra Sánchez

„Bildungsarmut ist die schlimmste Armut, die es gibt.“ Dr. Annemarie von der Groeben engagiert sich im gemeinnützigen Verein TABULA. Ziel ist der effektive Kampf gegen die zunehmende Bildungsarmut. Die Bielefelder wollen ein Modellprojekt für ganz Deutschland etablieren.

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Der Bielefelder Verein TABULA bekämpft die Bildungsarmut von Kindern. Julia Krohne (Mitte) koordiniert die Arbeit der Bürgerinitiative, von der 2009 mehr als 150 Kinder und Jugendliche profitiert haben. Eine der Hauptakteurinnen ist Dr. Annemarie von der Groeben (l.), langjährige Didaktische Leiterin der bundesweit bekannten Bielefelder Laborschule. Das Projekt wird unter anderem von Anja Böllhoff unterstützt, Vorsitzende der Bielefelder Bürgerstiftung.

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Bild: Sandra Sánchez