Eine Fahrschule, in der junge Arbeitslose ihren Führerschein machen können, um später für Alte und Kranke Besorgungen zu erledigen, der Hörzirkel, bei dem Zeitungen von Arbeitslosen auf CD gesprochen werden – der Strom an neuen Ideen reißt nicht ab. „Ich bin mir sicher, dass ich in meinem Leben nur einen Bruchteil der Projekte verwirklichen kann, die mir im Kopf herumschwirren“, ist Franz Schaible sicher. Der 59-Jährige ist dabei auch für Ungewöhnliches zu haben und versucht, Unmögliches möglich zu machen. Zum Beispiel die Geschichte mit dem europäischen Butterberg. Als politische und bürokratische Entscheidungsträger in der EU noch diskutierten, was damit geschehen sollte, ließ Schaible die Butter bereits nach Bielefeld holen und verteilte sie an Bedürftige.
Das unangenehme Gefühl des „Bittstellers“
1971 stand der gelernte Schlosser an der Katholischen Fachhochschule Paderborn kurz vor Abschluss seines Studiums zum Sozialarbeiter. Als seine Tochter geboren wurde und die BaFöG-Unterstützung für zwei Erwachsene und ein Kind auch bei größter Sparsamkeit nicht ausreichen wollte, beantragte Franz Schaible beim Kreis Paderborn Sozialhilfe. „Es ging um ganze 150 Mark im Monat – und auch nur für ein paar Monate“, erinnert er sich. Doch er handelte sich eine Absage ein. Ihm wurde signalisiert, er habe schließlich einen Beruf gelernt, mit dem er Geld verdienen könne. Schaible sollte sein Studium abbrechen und wieder als Schlosser arbeiten. „Diese Situation hat mich geprägt. Ich weiß, wie das ist, wenn man gegenüber Behörden zum Bittsteller wird."
Franz Schaible beendete sein Studium und begann mit der Realisierung seines Traums von der eigenen Wohlfahrtsorganisation. „Es ist leichter, eine neue Organisation zu gründen als eine alte zu reformieren“, so seine Überzeugung nach Jahren praktischer Erfahrung als Sozialarbeiter in Kassel. Ein Studium der Soziologie an der Universität Bielefeld brachte weitere Erkenntnisse: „Die Organisation muss so strukturiert sein, dass sie dauerhaft ihr Innovationspotenzial behält.“ Langwierige Entscheidungsprozesse sind Franz Schaible ein Graus. Er wollte eine „dezentrale Organisationsstruktur mit einer starken Mitbestimmungskomponente, die Kreativität und Engagement der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fördert.“
Der Bielefelder setzte auf die gemeinnützige GmbH und gegründete 1980 die GAB Gesellschaft für Arbeits- und Berufsförderung. Von nun an widmete sich der ausgeprägte Netzwerker Schaible vorwiegend der Lösung des für ihn dringendsten gesellschaftlichen Problems: der Arbeitslosigkeit.
Arbeitsangebote mit sozialem Nutzen
Heute bietet die GAB Arbeitslosen Hilfestellungen rund um den Beruf an. Beratung und Vermittlung, Weiterbildungsmaßnahmen und Beschäftigungsmöglichkeiten machen das Gros der Projekte aus: „Wir wollen nicht nur Arbeit schaffen und Arbeitslose qualifizieren, sondern auch auf den sozialen Nutzen achten“, so die Philosophie des Bielefelders. Ein Beispiel für einen solchen Doppeleffekt ist für ihn die „Ankleide“: Neuwertige, überschüssige Textilien werden in Bielefeld gegen einen symbolischen Verkaufspreis an Bedürftige weitergegeben, während in der Einrichtung gleichzeitig Jugendliche eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau oder zum Einzelhandelskaufmann machen können.
Die GAB Sozialförderungsgesellschaft ist für übergreifende Aufgaben im bundesweiten Verbund der GAB Gesellschaften zuständig. „In etwa 60 deutschen Städten und Gemeinden engagieren sich mittlerweile mehr als 2.000 Menschen“, berichtet der Sozialunternehmer, der selbst nicht so ganz genau weiß, wie viele Menschen außerhalb Bielefelds seine Ideen kopiert haben und realisieren. Schon Mitte der achtziger Jahre hatte Franz Schaible den Blick über Bielefelds Grenzen hinaus gerichtet. Es entstanden GAB-Ableger in Detmold und nach der Öffnung der Grenzen auch im Osten der Republik. Von Bielefeld aus organisierte Schaible Anfang der neunziger Jahre zahlreiche Arbeitslosenprojekte in den neuen Bundesländern.
„Zahnarztbehandlungseinheit“ für Brasilien
Schnell ergänzten internationale Projekte in Ländern der Dritten Welt oder auf dem Balkan das Hilfsangebot der GAB. So kaufte der Bielefelder alte Seecontainer auf, ließ sie zu kleinen Wohneinheiten umbauen und nach Albanien und Bosnien transportieren, damit Not leidende Menschen dort ein Dach über den Kopf haben. Oder die „mobile Zahnarztbehandlungseinheit“, eingebaut in einen Alu-Koffer: Der dazugehörige Fußschalter läuft allein durch Bewegungsenergie. Zum Einsatz kommt die GAB-Erfindung seit Jahren zum Beispiel in Brasilien.
In den 1990er Jahren formten sich die GAB und ihre vielen Ableger endgültig zum Sozialkonzern. Finanzielle Unterstützung erhielt Schaible durch Spenden und Zuschüsse von Arbeitsämtern, Land und Bund. Auch die Politik entdeckte den regen Sozial-Unternehmer, allen voran Regine Hildebrandt. Die 2001 verstorbene brandenburgische Sozialministerin wurde 1997 erste Preisträgerin und spätere Namensgeberin einer von Schaible ins Leben gerufenen Auszeichnung: Der „Förderpreis für Solidarität“ würdigt soziales Engagement zur Reduzierung von Arbeitslosigkeit und Armut. Hinter der Auszeichnung, die jedes Jahr an Projekte und Persönlichkeiten vergeben wird, steht die Stiftung „Solidarität bei Arbeitslosigkeit und Armut“. Auch diese agiert unter der Leitung von Franz Schaible.
Kunst und Kapital: Drucke als Wertpapiere
Die Stiftung ist Hauptaktionär der gemeinnützigen Sozial-Aktien-Gesellschaft Bielefeld, die engagierte Bielefelder Bürgerinnen und Bürger aus dem sozialen und kulturellen Umfeld 1999 gründeten. Entstanden ist ein neuartiges Forum zur dauerhaften Unterstützung gemeinnütziger Einrichtungen. Statt klassischer Wertpapiere erhalten Aktionäre Drucke renommierter Künstlerinnen und Künstler. Kunst und Kapital verbinden sich zu einer neuen Form des Spendens. An welche gemeinnützige Einrichtung die Überschüsse des Aktienkapitals fließen, kann der Aktionär bestimmen.
Alle Netzwerkpartner der GAB tragen in ihrem Logo eine rote Nelke. Die Blume ist für Franz Schaible ein Symbol für Solidarität. „Es geht mir um Menschlichkeit und um Humanität. Wichtig ist, nicht wegzuschauen, sondern anzupacken“. 2009 treibt der selbsternannte „Träumer und Tüftler“ äußerst pragmatisch die Realisierung einer Energieberatung für Arbeitslose und einen Arbeitslosenhärtefonds voran. Geht es nach dem Bielefelder, müssten Beratungsstellen Notfall-Gelder an Leistungsempfänger ausgeben. Zum Beispiel dann, wenn sich jemand die Reisekosten zu einer Beerdigung von nahen Angehörigen nicht leisten kann. „Mit Kreativität können fehlende Mittel ausgeglichen werden“, ist Franz Schaible überzeugt. Neue Projekte mit Leuchtturmpotenzial wirbeln schon durch seinen Kopf. (7.094 Zeichen mit Leerzeichen)
Kontakt:
Franz Schaible
GAB Gesellschaft für Arbeits- und Berufsförderung
Meisenstraße 65
33607 Bielefeld
Telefon: 0521-2996-0
Telefax: 0521-2996-102
E-Mail:
Das Bielefelder Netzwerk GAB
- GAB Sozialförderungsgesellschaft mbH
Die GAB Sozialförderungsgesellschaft mbH gemeinnützig wurde 1980 als GAB Gesellschaft für Arbeits- und Berufsförderung mbH gemeinnützig in Bielefeld gegründet. Sie war die erste GAB Gesellschaft in Deutschland. Ursprünglich für Beratung, Qualifizierung, Beschäftigung und Ausbildung Arbeitsloser zuständig, obliegen der Gesellschaft heute übergreifende Auf-gaben im bundesweiten Verbund der GAB Gesellschaften an über 60 Standorten.
www.gab-bielefeld.de
- GAB Gesellschaft für Arbeits- und Berufsförderung mbH
Unter diesem Namen, versehen mit dem Zusatz der jeweiligen Kommune, arbeiten an über 60 deutschen Standorten verschiedene, aus der ersten GAB Gesellschaft in Bielefeld entstandene, eigenständige Gesellschaften. Ihr Ziel: mit lokalen, nationalen und internationalen Projekten arbeitslosen oder in Not geratenen Menschen helfen.
www.gab-bielefeld.de |
www.gab-berlin.de | u.a.
- Sozial-Aktien-Gesellschaft Bielefeld
Die Sozial-Aktien-Gesellschaft von 1999 ist eine der ersten in Deutschland anerkannten gemeinnützigen Aktiengesellschaften. Die Aktionäre erhalten eine ungewöhnliche und neuartige Form von Wertpapieren: Aktien als Bilddrucke. Die Überschüsse des Aktienkapitals fließen gemeinnützigen Einrichtungen nach freier Wahl des Aktienerwerbers zu. Neben den Sozial-Aktien werden folgende Projekte realisiert:
Engagement-Card: Ausweis für Vergünstigungen für bürgerschaftliches Engagement (
www.engagement-card.de)
Social Times: Internetzeitung, die täglich bundesweit über soziale Belange berichtet (
www.socialtimes.de)
Spendenportal.de: Informations- und Spendennetzwerk für Deutschland
(
www.spendenportal.de)
SocialBay: Versteigerungsplattform von Spenden für eine selbstgewählte gemeinnützige Organisation (
www.socialbay.de)
www.sozial-ag.de
- Stiftung Solidarität bei Armut und Arbeitslosigkeit
Die Stiftung Solidarität bei Arbeitslosigkeit und Armut lenkt den Blick auf soziale Schieflagen und leistet Hilfe zur Selbsthilfe gegen Arbeitslosigkeit und Armut. Zu den Stiftungsprojekten zählen der Bielefelder Kinderfonds (Bielefeld bewegt 167/Juni 2009), der Regine-Hildebrandt-Preis und der Hörzirkel.
www.stiftung-solidaritaet.de |
www.bielefelder-kinderfonds.de
- Verband der Solidarität
Der Verband der Solidarität freier Wohlfahrtsorganisationen vertritt die Interessen gemeinnütziger Arbeits-, Arbeitslosen- und Berufsförderungsgesellschaften auf regionaler und bundesweiter Ebene.
www.verband-solidaritaet.de
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Alle Netzwerkpartner der GAB tragen in ihrem Logo eine rote Nelke – für Franz Schaible ein Symbol der Solidarität. „Es geht mir um Menschlichkeit und um Humanität. Wichtig ist, nicht wegzuschauen, sondern anzupacken“, betont der Bielefelder. jpg, 4062 KB 3546x2592 Pixel 300 dpi Bild: Susanne Freitag |
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„Mit Kreativität können fehlende Mittel ausgeglichen werden“: Als ausgeprägter Netzwerker widmet sich Franz Schaible vorwiegend Projekten, die Arbeitslosigkeit bekämpfen sollen. Ungewöhnliche Ideen reizen den selbsternannten „Träumer und Tüftler“ aus Bielefeld. jpg, 4043 KB 2592x3872 Pixel 300 dpi Bild: Susanne Freitag |
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Regine-Hildebrandt-Preis für Solidarität: Seit 1997 vergibt die Bielefelder Stiftung Solidarität die Auszeichnung, die nach der ersten Preisträgerin, der 2001 verstorbenen brandenburgischen Sozialministerin Regine Hildebrandt benannt wurde. Ihr Ehemann Jörg Hildebrandt (r.) war dabei, als Franz Schaible (l.), Vorstandsvorsitzender der Bielefelder Stiftung, 2009 den Preis an die TV-Autoren Carsten Rau (2. v. l.) und Hauke Wendler überreichte. In der Bildmitte die Laudatorin Heide Simonis, die die Fernseh-Reportage „Arm und alt – Wenn die Rente nicht reicht“ als vorbildhaft würdigte. jpg, 4952 KB 3872x2592 Pixel 300 dpi Bild: Susanne Freitag |



