Das reich illustrierte Buch beschäftigt sich mit einem der drängenden Themen unserer Gesellschaft. Die Zahl der Demenzpatienten liegt schon heute bei einer Million – und sie steigt rapide. Viele Antworten auf einen würdevollen Umgang mit diesen alt gewordenen Menschen sind noch nicht gegeben. Nicht wenige leben in eintönigen und reizarmen Umgebungen. Speziell für Alzheimer-Demente fehlen Vorbilder für eine hilfreiche, gleichzeitig ansprechende Gestaltung.
Die 47 Jahre alte Autorin Petra Breuer weiß sehr genau, worüber sie schreibt. Sie ist examinierte Krankenschwester, hat jahrelang engagiert in ihrem Beruf gearbeitet und leitende Positionen in Hannover, Nürnberg, in der Schweiz und in den USA bekleidet. Mit Mitte 30 hat sie sich aufgemacht, einen Jugendtraum zu erfüllen. Schon immer wollte sie künstlerisch arbeiten. Im Fachbereich Gestaltung der Fachhochschule Bielefeld studierte sie Grafik und Kommunikationsdesign mit den Schwerpunkten Typografie und Malerei. Recht bald war ihr allerdings klar, dass die Idee, ausschließlich von der Kunst leben zu können, ein Traum bleiben musste. 2003 schloss sie ihr Studium als Diplom-Designerin ab und begann, freiberuflich für Agenturen und Unternehmen zu arbeiten.
In all den Jahren trieb sie die Frage um, wie sie ihre Erfahrungen als Krankenschwester mit ihren Kompetenzen als Gestalterin kombinieren könnte. An der Fachhochschule Bielefeld bot sich die Chance eines Masterstudiums, das sie 2008 mit dem Master of Arts in Gestaltung abschloss. Ihre designwissenschaftliche Arbeit wurde die Basis zu dem Buch, das pünktlich zur Frankfurter Buchmesse 2009 erscheint.
Die ehemalige Krankenschwester profitiert von den Erfahrungen im ersten Beruf. Hinzu kommen drei Jahre, in denen sie als Außendienstlerin Antidekubitussysteme verkauft hat: „In dieser Zeit bin ich quer durch die Republik in zahllosen Altenwohnanlagen und -heimen gewesen. Dort konnte ich mir ein Bild machen, wie das Umfeld von Senioren und Demenzkranken gestaltet ist.“
Zu wenig Wissen um Wahrnehmungsprobleme
Vielfach wirken die Einrichtungen farblos und nüchtern. Orientierung und Beschilderungen sind – wenn überhaupt vorhanden – oft auf kindlichem Niveau steckengeblieben. In der Regel, da ist sich die Bielefelderin sicher, steht dahinter eine gut gemeinte Absicht: „Es gibt einfach zu wenig Wissen um die Wahrnehmungsprobleme speziell der Alzheimer-Dementen, zu wenige Vorbilder für eine gute, ansprechende und hilfreiche Gestaltung. Da findet man Türschilder mit Sonnenblümchen oder kleinen Fischchen – alles nett gemeint, aber wird man damit den Menschen gerecht, die ein langes Leben hinter sich gebracht haben, gebildet sind und vielleicht auch stolz auf ihr kulturelles Niveau waren? Ist eine kindliche Bildsprache nicht eher entwürdigend?“
Petra Breuer gerät in Fahrt, wenn sie über eintönige und reizarme Lebensumgebungen klagt. Die Beispiele sind einleuchtend. Jeder dritte Mensch um die 80 leidet unter „Makuladegeneration“, einer altersbedingten Erkrankung der Augen. So können die Betroffenen die Umrisse der Uhr zwar erkennen, die Zeiger aber nicht mehr ablesen. Erst recht nicht, wenn Uhren wie üblich zu hoch hängen: „Zusätzlich versteift sich bei vielen Menschen die Halswirbelsäule und sie können nicht mehr weit nach oben schauen.“
Die Tendenz von Alzheimer-Patienten, zu allem „Ja“ zu sagen, um nicht unangenehm aufzufallen, verhindert häufig das Erkennen der verschiedenen Sehprobleme im Alter. Der Graue Star macht die Beschilderung in öffentlichen Gebäuden zur Qual, weil Buchstaben nur verschwommen gesehen werden. Die Gelbtrübung der Augenlinsen – ein Prozess, der übrigens alterungsbedingt schon etwa ab dem 45. Lebensjahr beginnt – ist dafür verantwortlich, dass die Farben Grün und Blau nebeneinanderstehend nicht richtig unterschieden werden können.
Verwendung von gelernten Bildern und Symbolen
Es gibt viele weitere Faktoren, die in Petra Breuers Buch eine Rolle spielen. Beim Thema Gedächtnis wurde sie von den Spezialisten des renommierten Lehrstuhls von Prof. Dr. Hans J. Markowitsch an der Fakultät für Psychologie und Sportwissenschaft der Universität Bielefeld unterstützt.
Die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Gedächtnissystemen führte bei Petra Breuer zum Vorschlag, bei Demenzkranken gelernte Symbole und Bilder zu verwenden, die diese bereits ihr ganzes Leben lang begleitet haben. Insbesondere das sogenannte Primingsystem, das für die Wiedererkennung zuständig ist, und das prozedurale Gedächtnis, das die motorischen Fähigkeiten speichert, sind zwei Systeme, die relativ lange erhalten bleiben. Darum können sie in der visuellen Kommunikation genutzt werden, um wahrnehmungsbedingte Probleme abzufedern. Beispiele sind das HB-Männchen, das einen Raum als Raucherbereich beschildern könnte, oder der Erdalfrosch als Kennzeichnung für einen Schuhschrank. Beide Figuren kennen die heute 80-Jährigen aus ihrer Jugend.
Anwendung findet die demenzoptimierte visuelle Gestaltung bei der Erarbeitung und Herstellung von Büchern oder Gesellschaftsspielen, aber auch bei Aufklebern zur Orientierung im häuslichen Bereich bis hin zur kompletten Ausschilderung von Gebäuden oder Einrichtungen für Demenzkranke. „Buchstaben müssen differenzierbar sein. Bilder sollten die veränderte Tiefenwahrnehmung berücksichtigen und in der Farbgebung muss unbedingt auf eine gute Kontrastdifferenzierung geachtet werden.“
Ein weiteres Thema: Demenzkranke erkennen oft sich selbst nicht mehr. Es macht also wenig Sinn, in einem Heim ein Porträt des Bewohners neben die Zimmertür zu hängen – „ein Gesicht zu erkennen, stellt hohe Anforderungen an das Gedächtnis. Deshalb können eindeutige Erkennungsmerkmale – eine Halskette, ein Lippenstift, ein Schnurrbart oder ein Hut – helfen, ein weibliches oder männliches Gesicht zu erkennen.“
Die Diplom-Grafikerin demonstriert in ihrem Buch viele weitere Beispiele. Ihr Engagement sieht die 47-Jährige durchaus eigennützig: „Wenn ich in 30 Jahren in der Situation bin, hat sich hoffentlich vieles geändert. Wir müssen endlich anfangen, uns intensiv mit alternativen Kommunikationsformen für Demenzkranke zu beschäftigen, zumal diese Seniorengruppe auch ein rasant wachsender Kostenfaktor für unser Gesundheitssystem ist. Derzeit fehlt die Sensibilisierung für das Problem, von den personellen Ressourcen ganz zu schweigen.“
Demenzoptimierte Gestaltung soll Orientierung bieten
Mehr als eine Million Menschen in Deutschland leiden heute unter einer Form von Demenz. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung schätzt die Zahl der Neuerkrankungen derzeit auf 120.000 pro Jahr. Das Buch bietet wertvolle Anregungen für Heimleiter, Bauherren und Architekten, auch für Pflegende oder ehrenamtlich Tätige, die sich zum Beispiel wundern, warum beim Adventssingen die Liedtexte nicht vom Zettel abgelesen werden. Petra Breuer: „Selbst wenn die Demenzkranken die alten Lieder eigentlich auswendig singen können, geht es dabei doch um die Bewahrung der Würde, wenn man – wie alle anderen auch – das Buch aufschlägt und mitliest. Und wer weiß denn, ob in dem jeweiligen Stadium der Demenz ein ‚Mitlesen’ nicht doch noch möglich wäre?“ Die Designerin weiß aber auch: „So, wie die Texte in der Regel aufbereitet werden, kann das nicht funktionieren. Eine demenzoptimierte Gestaltung muss mehr Orientierung innerhalb eines Liederbüchleins bieten.“
Den harten Praxistest haben die Vorschläge der Diplom-Designerin noch nicht bestanden. Bislang konnte Petra Breuer nur Teilaspekte ihrer Erkenntnisse, etwa bei Bauten der BGW (Bielefelder Gemeinnützige Wohnungsgesellschaft) oder beim DRK Bielefeld, umsetzen. Sie ist davon überzeugt, dass neue Kommunikationswege demenzkranken Menschen helfen, so lange wie möglich ihre Selbstständigkeit im Alter zu erhalten. Deshalb richtet sich ihr gut verständliches Buch auch an Angehörige, die etwas über Veränderungen des Auges im Alter, über die Funktionsweise des Gehirns oder die Erkenntnisse der Gedächtnisforschung im Zusammenhang mit der (Alzheimer-)Demenz wissen wollen: „Das bessere Verständnis für eine beeinträchtigte visuelle Wahrnehmung kann viele Missverständnisse ausräumen.“
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Kontakt:
Petra Breuer
Dipl-Designer (M. A.)
Haller Weg 48
33617 Bielefeld
Telefon: 0521-9151955
E-Mail:
Petra Breuer: Visuelle Kommunikation für Menschen mit Demenz. Grundlagen zur visuellen Gestaltung des Umfeldes für Senioren mit (Alzheimer-)Demenz. Verlag Hans Huber, Bern. ISBN 978-3-456-84768-9
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Für eine Seniorenwohnanlage mit acht Häusern im Bielefelder Stadtteil Jöllenbeck hat Petra Breuer ein fröhliches Punktmuster gewählt. Das Konzept der farbigen Kreise wird in der Beschilderung weitergeführt und bietet den Bewohnerinnen und Bewohnern eine zusätzliche Orientierungshilfe. jpg, 2068 KB 4256x2832 Pixel 300 dpi Bild: Susanne Freitag |
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Die Bewohnerinnen und Bewohner einer acht Häuser umfassenden Seniorenwohnanlage im Bielefelder Stadtteil Jöllenbeck orientieren sich über farbige Punkte, die auf Fassaden, Klingel- und Briefkastenanlagen sowie Aufzügen angebracht sind. jpg, 1247 KB 4256x2832 Pixel 300 dpi Bild: Susanne Freitag |
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Die Bielefelderin Petra Breuer kombiniert ihre Erfahrungen als examinierte Krankenschwester mit ihren Kompetenzen als Gestalterin. Die 47-jährige Diplom-Designerin entwickelt neue Kommunikationsformen, um demenzkranken Menschen so lange wie möglich ihre Selbstständigkeit im Alter zu erhalten. jpg, 3117 KB 2832x4256 Pixel 300 dpi Bild: Susanne Freitag |



