In Bielefeld forscht die Welt

Zentrum für interdisziplinäre Forschung der Universität Bielefeld genießt internationale Reputation / Festakt zum 40. Bestehen am 20. Oktober 2008

(16.10.2008) Unscheinbar und kantig ducken sich die grauen Zweckbauten an den Rand des Teutoburger Waldes. An der Eingangstür des Hauptgebäudes formen drei Buchstaben die Abkürzung „ZiF“. Auf den ersten Blick erschließt sich nicht, weshalb der Gebäudekomplex oberhalb der Universität Bielefeld in aller Welt einen hervorragenden Ruf besitzt. Tatsächlich schätzen Forscher in Kanada, Israel, Südafrika oder Schweden die Bielefelder Einrichtung als Perle in der internationalen Wissenschaftslandschaft. In diesem Herbst wird das „Zentrum für interdisziplinäre Forschung“ 40 Jahre alt.

Hans-Georg Gadamer und Jürgen Habermas haben hier geforscht, der Historiker Hans Mommsen, der amerikanische Philosoph John Searle, auch Lorraine Daston, Direktorin am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin und die Wissenschaftstheoretikerin Nancy Cartwright. Norbert Elias, einer der einflussreichsten Soziologen des 20. Jahrhunderts, lebte ab 1978 insgesamt sechs Jahre auf dem Gelände des ZiF. Aus der benachbarten Universität Bielefeld haben unter anderem die Soziologen Franz-Xaver Kaufmann und Wilhelm Heitmeyer, der Historiker Hans-Ulrich Wehler, der anerkannte Gedächtnisforscher Hans-J. Markowitsch sowie die heute als Bundesverfassungsrichterin tätige Gertrude Lübbe-Wolff viel beachtete Forschungsgruppen geleitet. „Wissenschaft ist ein sozialer Prozess“, stellt Prof. Dr. Ipke Wachsmuth, seit 2002 Geschäftsführender Direktor der Einrichtung, klar. „Er findet immer zwischen Menschen statt.“

Eine gemeinsame Sprache finden
Ganz folgerichtig ist das Zentrum für interdisziplinäre Forschung ein Ort des Austauschs. In Bielefeld kommen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlichster Disziplinen zusammen und lassen ihre jeweiligen Perspektiven in ein gemeinsames Thema einfließen. Dieser Prozess findet wahlweise im großen Plenarsaal statt, in einem der fünf Tagungsräume, in der Bibliothek, in den weitläufigen Foyers oder informell bei einem Glas Wein am Abend. Im ZiF trifft man sich, diskutiert, schreibt und denkt nach. Mal zu zweit, mal zu dritt, gern in einer kleinen Gruppe. Die „fellows“, wie die Mitglieder einer Forschungsgruppe genannt werden, sind in der Regel für die Dauer eines Jahres durch ein fachübergreifendes Thema verbunden.

Aus Anlass des 25-jährigen Bestehens im Jahr 1993 nannte der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft Wolfgang Frühwald das ZiF eine „moderne Form der Akademie“. Offiziell ist das Zentrum für interdisziplinäre Forschung das erste „Institute for Advanced Study“ auf deutschem Boden und wurde zum Vorbild für andere Einrichtungen wie das Wissenschaftskolleg in Berlin.

Strenge Auswahlprinzipien sichern Qualität
„Die Forschungsvorhaben sind mal geistes-, mal sozial-, mal naturwissenschaftlicher Natur“, erklärt Prof. Dr. Ipke Wachsmuth und zählt Themen auf, die das ZiF in den letzten 40 Jahren beschäftigt haben: „Rationale Umweltpolitik – Rationales Umweltrecht“ (1998/1999), „Emotionen als bio-kulturelle Prozesse“ (2004/2005), „Verkörperte Kommunikation bei Mensch und Maschine“ (2005/2006) oder „Kontrolle der Gewalt“ (2007/2008).

Rund 450.000 Euro lässt sich das ZiF jede dieser Gruppen kosten – verschenkt wird ein Forschungsjahr deshalb nicht. „Den Rahmen für alle ZiF-Aktivitäten bilden fünf Prinzipien“, erklärt der Direktor. „Zum einen sind dies Interdisziplinarität, Internationalität und eine klare Themenorientierung. Zum anderen ein offenes Antragsverfahren und eine gesicherte wissenschaftliche Exzellenz.“ Wer eine einjährige Forschungsgruppe beantragt, muss sein Thema und die Liste der Kollegen, die er einladen möchte, mehrfach begründen: vor externen Fachkollegen, vor dem vierköpfigen Direktorium und vor dem Wissenschaftlichen Beirat.

Gefördert werden auch mehrmonatige Kooperationsgruppen und mehrtägige Arbeitsgemeinschaften. Eine Besonderheit ist das „Autorenkolloquium“, mit dem sich eine Forscherpersönlichkeit der kritischen Diskussion ihres Werkes stellt. Um Anstöße für neue Entwicklungen in der Forschungslandschaft zu geben, wurde 2002 das ZiF-Nachwuchsnetzwerk gegründet.

Am Anfang war das ZiF
Das ZiF wurde 1968 nach dem Vorbild des „Institute for Advanced Study“ in Princeton und des „Centers for Advanced Study in the Behavioral Sciences“ in Stanford ins Leben gerufen. Von 1968 an residierte das ZiF im Schloss Rheda, erst am 1. Oktober 1972 erfolgte der Umzug in den neuen Gebäudekomplex am Hang des Teutoburger Waldes. Dass das benachbarte Universitätsgebäude zu diesem Zeitpunkt noch einer Großbaustelle glich, war beabsichtigt: Nach der Vorstellung des ZiF-Gründers Helmut Schelsky sollte es eine Möglichkeit des fachübergreifenden Gesprächs an der jungen Reformuniversität Bielefeld bereits geben, bevor sich die einzelnen Fakultäten in ihre Isolation zurückziehen würden. Auch die Errichtung des Zentrums außerhalb der Universitätsmauern war beabsichtigt. Die Annahme Schelskys war, dass interdisziplinäres Forschen einen neutralen Boden braucht, um sich von den Fakultäten der Universität unabhängig zu machen.

Ein Ort zum Arbeiten und zum Leben
Ab Oktober 2008 weilen Forscherinnen und Forscher aus Quito, Paris, Monterrey, Santiago de Chile oder Bern in Bielefeld. Ihre Themen: „Ethnische Identitäten in transnationalen Integrationsprozessen in den Amerikas“ und „Der Fall als Fokus professionellen Handelns“. Den Wissenschaftlern und ihren Familien stehen Wohnungen zur Verfügung, die sich um den parkähnlich angelegten Campus gruppieren. Es gibt einen „Fellow-Room“ zum Musizieren und ein hauseigenes Schwimmbad. Mehr als 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sorgen für ausgezeichnete Arbeitsbedingungen.

Zwar befindet sich das ZiF in reizvoller Alleinlage oberhalb der Universität, ein Elfenbeinturm ist es dennoch nicht. Sechs Kunstausstellungen pro Jahr stehen nach Möglichkeit in engem Zusammenhang mit den aktuell laufenden ZiF-Projekten. Zu den Autorenlesungen, dem Tag der offenen Tür und den stets prominent besetzten „ZiF:public lectures“ lädt das ZiF mit großer Resonanz die interessierte Öffentlichkeit ein. Zum 40. Bestehen fragt Luc Steels von der Freien Universität Brüssel und dem Sony Computer Science Laboratory, Paris: „Können wir von Robotern etwas über die Entstehung der Sprache lernen?“ An der Universität Bielefeld kann sich der Belgier vieler kompetenter Gesprächspartner sicher sei, denn im Oktober 2007 wurde hier das Forschungsinstitut für Kognition und Robotik eröffnet. Ziel ist es, Roboter mit kognitiven und sozialen Fähigkeiten auszustatten und sie damit zu alltagstauglichen Assistenten für den Menschen zu machen. (6.546 Zeichen mit Leerzeichen)

Kontakt:
ZiF
Zentrum für interdisziplinäre Forschung
der Universität Bielefeld
Geschäftsführender Direktor
Prof. Dr. Ipke Wachsmuth
Wellenberg 1
33615 Bielefeld
Telefon: 0521-106-2796
Telefax: 0521-106-2782
E-Mail: Externer Link zif-gf@uni-bielefeld.de
Externer Link www.uni-bielefeld.de/ZIF


Prof. Dr. Ipke Wachsmuth, Geschäftsführender Direktor des Zentrums für interdisziplinäre Forschung, im Plenarsaal. Der Raum mit fünfeckigem Grundriss ist das architektonische Wahrzeichen und der größte Vortragsraum des ZiF.

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Bild: Hans-Werner Büscher

Das Hauptgebäude des Zentrums für interdisziplinäre Forschung in Bielefeld. Die Einbettung der renommierten Institution in die Universität Bielefeld sorgt für ausgezeichnete wissenschaftliche Arbeitsbedingungen.

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Bild: ZiF

2006 versammelten sich im ZiF prominente Persönlichkeiten der Rechtsphilosophie und Rechtspraxis, darunter Jürgen Habermas (l.) und Robert Alexy (re.). Anlass war die Vergabe des Bielefelder Wissenschaftspreises an den Rechtstheoretiker Ronald M. Dworkin.

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Bild: Sarah Rawna Bollermann, Lage