Schreiben lernen kann jeder

Universität Bielefeld definiert Schreiben als unverzichtbare Schlüsselkompetenz / Erstes Schreiblabor an einer deutschen Universität wird 15 Jahre alt

(13.05.2008) Das waren noch Zeiten. Als 1993 in Bielefeld das erste Schreiblabor an einer deutschen Universität gegründet wurde, gab es reichlich Zeit, dem Forschungstrieb freien Lauf zu lassen und beliebig lange in Bücherbergen zu versinken. Die Kehrseite dieser akademischen Freiheit bestand darin, dass viele Studierende ihr Studium ohne Abschluss abbrachen oder viel später fertig wurden als ursprünglich geplant. Weil sie oft monatelang über ihren schriftlichen Arbeiten brüteten, suchten sie Hilfe im Schreiblabor.

Heute ist die Situation nicht nur an der Universität Bielefeld eher umgekehrt. Mit der Einführung der Bachelorstudiengänge stieg die Zahl der studienbegleitenden Prüfungen. Jetzt ist das Bielefelder Schreiblabor bevölkert von Studierenden aus den Anfangssemestern. Die Frage ist nicht mehr: Wie gehe ich mit der Freiheit um? Sondern: Wie kann ich es in der vorgegebenen Struktur und unter Zeitdruck schaffen, alle Schreibprojekte in angemessener Zeit zu Ende zu bringen? Und wie kann ich mir trotz äußerlicher Zwänge kreative Freiräume leisten?

Dr. Andrea Frank (49) hat diese Entwicklung in den letzten 15 Jahren hautnah miterlebt. Die heutige Leiterin des Arbeitsbereichs Beratung für Studium, Lehre & Karriere an der Universität Bielefeld war 1992 nach der Promotion zwei Monate an verschiedenen Universitäten in den USA gewesen und dort auf zahlreiche „Writing Center“ oder „Writing Labs“ aufmerksam geworden. Sie selbst hatte während ihres Studiums der Pädagogik und Soziologie relativ wenig geschrieben: „Ich hatte immer Skrupel, etwas abzugeben. Da waren die herausragenden Professoren und so viele andere Studierende, die aus meiner Sicht viel besser waren. Eigentlich habe ich erst im Rahmen der Diplomarbeit mit dem Schreiben angefangen.“

Die Idee für das Bielefelder Schreiblabor kommt aus den USA
Die Erfahrung aus den USA, wo alle Studienanfänger auch heute noch für das Schreiben trainiert werden, und die massive Zahl der Studienabbrecher in höheren Semestern beförderten die Idee des Schreiblabors nach Bielefeld. Andrea Frank akquirierte Gelder und traf auf den glücklichen Umstand, dass das damalige Zentrum für Hochschuldidaktik dem Projekt einen Raum zur Verfügung stellte. 1993 fand mit zwei wissenschaftlichen Hilfskräften – eine davon die Bielefelder Absolventin und heutige Leiterin des Schreibzentrums an der Ruhr-Uni Bochum, Gabriela Ruhmann – die Gründung des ersten Schreiblabors an einer deutschen Universität statt. Frank wechselte kurz danach als Referentin in das Rektorat der Uni und nutzte dort die kurzen Wege, um die frisch gegründete Einrichtung ans Laufen zu bringen.

Heute, 15 Jahre später, hat das Schreiblabor einen festen Platz und drei Mitarbeiterinnen mit jeweils einem 30-Stunden-Vertrag. Gemeinsam mit den beiden erfahrenen Schreibtrainerinnen Stefanie Haacke, seit 1998 Mitarbeiterin im Schreiblabor, und Swantje Lahm, seit 2003 dabei, hat Andrea Frank jetzt ein Buch geschrieben: „Schlüsselkompetenzen: Schreiben in Studium und Beruf“.

Internationale Vernetzung, Anfragen aus aller Welt
Die Fachfrauen aus dem Schreiblabor sind international bestens vernetzt. So können sie an der Uni Bielefeld neue Entwicklungen schnell in die Praxis umsetzen. Swantje Lahm war im Frühjahr 2008 im „John S. Knight Institute for Writing in the Disciplines“ an der renommierten Cornell University im Bundesstaat New York. Das dortige Schreibzentrum entwickelt und koordiniert bereits seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts die Schreibausbildung in den verschiedenen Fachdisziplinen.

Umgekehrt ist nun das Bielefelder Schreiblabor für die Kollegen in den USA interessant, weil die älteste Institution ihrer Art in Deutschland auch die meiste Erfahrung hat, vor allem mit dem Schreiben von umfangreichen wissenschaftlichen Arbeiten. Die Unterstützung beim Schreiben von Abschlussarbeiten und Dissertationen, mit der das Bielefelder Schreiblabor vor 15 Jahren begonnen hatte, wird in den USA erst jetzt zum Thema. So denkt man derzeit an vielen amerikanischen Universitäten darüber nach, die Schreibfähigkeit in den höheren Semestern zu stärken. Swantje Lahm: „Lange war man davon ausgegangen, dass die Erstsemester Kurse machen und dann fit fürs ganze Studium sind. Heute wissen die Amerikaner, dass sie die Studierenden in den verschiedenen Phasen des Studiums begleiten müssen. Und diese Erkenntnis, dass man Schreibfähigkeiten nicht an einem Punkt in seiner Lernbiographie erwirbt, sondern als ‚lifelong learning’ begreifen muss, setzt sich auch bei uns immer mehr durch.“

Mittlerweile gibt es in Deutschland Schreibzentren an der Universität Bochum, an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder oder im Fachgebiet Germanistik der TU Chemnitz. Das Schreibzentrum an der PH Freiburg vermittelt Schreibkompetenz an zukünftige Lehrerinnen und Lehrer und kooperiert mit Schulen in der Region. Das Schreibzentrum Köln ist beim Kölner Studentenwerk angesiedelt.

Die European Association for the Teaching of Academic Writing (EATAW) veranstaltet alle zwei Jahre große Kongresse, um das Thema europaweit voranzutreiben. Bei diesen internationalen Begegnungen sind die Bielefelder Spezialistinnen natürlich vertreten. Und auch zum Zentrum für professionelles Schreiben an der Züricher Hochschule Winterthur gibt es Kontakte. Dessen Leiter Otto Kruse ist Autor des bekannten Schreibratgebers „Keine Angst vor dem leeren Blatt".

Der Konflikt zwischen Verständlichkeit und „wissenschaftlichem Schreiben“
Der Arbeitsalltag im Schreiblabor ist abwechslungsreich, beinahe täglich tauchen neue Fragen auf. Die Studierenden machen Termine für die wöchentliche Sprechstunde, rufen an, schicken Mails – oder stehen auch schon einmal unangemeldet in den Büros, wenn eine Frage besonders drängt. Ein Standardthema ist der Konflikt zwischen „wissenschaftlichem Schreiben“ und Verständlichkeit. Stefanie Haacke: „Was wissenschaftliche Stile und formale Anforderungen betrifft, da mischen wir uns nicht ein, das müssen die Fachbereiche selbst klären. Den Studierenden sage ich nur: Wenn Du willst, dass Du verstanden wirst, musst Du auch verständlich schreiben.“

Dass die Sprache der Soziologie eine andere ist als die der Juristen oder der Genforscher, ergibt sich von selbst. Wer einmal versucht hat, die Gesetzmäßigkeit des Schreibens auf Texte im Fachbereich Chemie zu übertragen, versteht die hohe Kunst der Diplomatie. Längst vorbei sind die Zeiten, in denen sich ehrwürdige Professoren die Einmischung der „Damen aus dem Schreiblabor“ verbaten. Heute unterstützen die Lehrenden die Angebote zur Verbesserung von Hausarbeiten, Praktikumsberichten oder Abschlussarbeiten.

Sehr geschätzt werden auch die Angebote des Schwesterprojekts PunktUm für ausländische Studierende, die gezwungen sind, komplexe Texte in deutsch erst einmal zu verstehen und dann auch selbst zu verfassen. Stefanie Haacke: „Das geht bis zur Analyse von unausgesprochenen Normen und Regeln. Zu klären, wie in der westlichen Wissenschaftskultur deutscher Ausprägung gedacht und kommuniziert wird, hilft weiter.“

Langfristiges Ziel ist es, das Schreiben als Schlüsselkompetenz auf eine immer breitere Basis zu stellen. So bietet das Schreiblabor Multiplikatorenschulungen an. An fünfmal zwei Tagen werden Doktoranden schreibdidaktisch ausgebildet. Aktuell geht eine neue Ausbildung für „Peer Tutors“ an den Start: Das sind Studierende, die ihren Kommilitonen Rückmeldung auf Texte und Unterstützung in den ganz normalen Krisen beim Schreiben von Haus- und Seminararbeiten bieten. Mit der Pädagogin Christiane Henkel hat das Schreiblabor hierfür Verstärkung bekommen.

Mit Blick auf künftige berufliche Anforderungen geht es auch um das Schreiben in Fremdsprachen, insbesondere Englisch. Wenn nicht mehr in der Muttersprache gedacht und geschrieben wird und sowohl Sender wie Empfänger sprachliche Handicaps haben, wird es besonders kompliziert. Andrea Frank: „Es lohnt sich, das Schreiben in Fremdsprachen schon im Studium zu trainieren. Besonders vor dem Hintergrund, dass das, was ich später im Beruf schreibe, schwerwiegende Konsequenzen haben kann.“ (8.042 Zeichen mit Leerzeichen)

Kontakt:
Dr. Andrea Frank
Universität Bielefeld
Beratung für Studium, Lehre & Karriere
(Servicebereich SL_K5)
Universitätsstraße 25
Postfach 10 01 31
33501 Bielefeld
Telefon: 0521-106-41 57
E-Mail: Externer Link andrea.frank@uni-bielefeld.de
Externer Link www.uni-bielefeld.de/SL_K5


Schreiblabor
Universität Bielefeld
Beratung für Studium, Lehre und Karriere (SL_K5)
Universitätsstraße 25
33615 Bielefeld
Telefon: 0521-106-46 98
Telefax: 0521-106-46 76
Externer Link www.uni-bielefeld.de/slab

Niemand fängt bei Null an

Die Erfahrungen aus 15 Jahren Schreiblabor an der Universität Bielefeld haben Dr. Andrea Frank, Stefanie Haacke und Swantje Lahm in einem Buch zusammengefasst. „Schlüsselkompetenzen: Schreiben in Studium und Beruf“ aus dem Verlag J.B. Metzler, Stuttgart, ist ein anregendes Fachbuch mit einprägsamen Beispielen und vielen Checklisten.

Die ausgesprochen praxisorientierte Publikation bietet auf mehr als 200 Seiten alles, was der Mensch zum Schreiben im Studium braucht. Sämtliche Phasen des Schreibprozesses sind angesprochen. Es geht um Themen wie Zeitmanagement, was man tun kann, wenn man auf der Stelle tritt oder unter Druck termingerecht liefern muss. Textarten und Darstellungsformen sind eingängig präsentiert. Natürlich spielt heute der Umgang mit dem Internet eine große Rolle. Dabei geht es besonders um das Verwenden von Quellen und wörtlichen Zitaten.

Selbst wer schon lange im Beruf ist, kann profitieren, wenn es etwa um Positionspapiere oder Stellungnahmen geht, um Ergebnisprotokolle oder Vorträge. Viele Profi-Tipps – etwa die „Erste Hilfe bei komplizierten Schachtelsätzen“ – sorgen dafür, dass auch Nicht-Studierende, die etwas über strukturiertes Schreiben lernen wollen, Spaß an der Lektüre haben werden. Und dieser Spaß ist für Andrea Frank und ihre Kolleginnen im Schreiblabor ganz wesentlich. „Viele Menschen, die sich in der Schule mit Texten gequält haben, entdecken plötzlich, dass es Spaß machen kann, sich mitzuteilen.“ Stefanie Haacke spricht denn auch gerne von Schreiben als kreativen Prozess, von Leichtigkeit und völlig neuen Erfolgserlebnissen.

Andrea Frank, Stefanie Haacke, Swantje Lahm: „Schlüsselkompetenzen: Schreiben in Studium und Beruf“, Verlag J. B. Metzler, Stuttgart, September 2007, ISBN 978-3-476-02166-3





Dr. Andrea Frank leitet den Servicebereich Beratung für Studium, Lehre & Karriere an der Universität Bielefeld. Sie brachte 1993 die Idee des Schreiblabors von einer Studienreise in den USA mit. Heute fragen die Kollegen aus den nordamerikanischen Universitäten schon einmal in Bielefeld nach. Die Fachfrauen aus dem Schreiblabor sind international bestens vernetzt.

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Bild: Susanne Freitag

15 Jahre Schreiblabor an der Universität Bielefeld: Dr. Andrea Frank (2. v. l.) hat die Idee 1993 aus den USA mitgebracht. Gemeinsam mit Stefanie Haacke (l.) und Swantje Lahm (r.) hat sie ihre Erfahrungen in einem Buch zusammengetragen. Die Pädagogin Christiane Henkel wird sich besonders um die Ausbildung von „Peer Tutors“ kümmern – Studierende, die ihre Kommilitonen beim Schreiben unterstützen können.

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© 2008 J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH in Stuttgart

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