100 Jahre Kunst und Gestaltung

Fachbereich Gestaltung der Fachhochschule Bielefeld feiert 100. Jubiläum / Ausbildungsstätte für namhafte Künstler / Ausstellung im Historischen Museum Bielefeld

(19.09.2007) Mitte des 19. Jahrhunderts hinkten deutsche Produkte im internationalen Vergleich hinterher. Das lag weniger an der Qualität der Waren als vielmehr an ihrem Aussehen. Die Weltausstellungen in London (1851) und Paris (1855) zeigten eklatante Versäumnisse beim Design, beim Image und bei der Vermarktung. Eine der Institutionen, die diesem Übel abhelfen sollten, war die Staatlich-Städtische Handwerker- und Kunstgewerbeschule Bielefeld. Der 100. Geburtstag im Jahr 2007 wird von der Nachfolge-Institution, dem Fachbereich Gestaltung der Fachhochschule Bielefeld, gefeiert. Aus diesem Anlass wird im Historischen Museum der Stadt Bielefeld ab 14. Oktober die Ausstellung „Werkkunst. Kunst und Gestaltung in Bielefeld 1907-2007“ gezeigt.

Den Anstoß zur künstlerisch orientierten Gewerbeförderung gab die industrielle Konkurrenz besonders aus Frankreich und England. Auf den damals für die Entwicklung der Industrien bedeutenden Weltausstellungen schnitt Deutschland bei Qualität und Gestaltung im Gebrauchsgüterbereich durchweg schlecht ab. Der Siegeszug der Maschinen hatte eine Vernachlässigung des Produktdesigns mit sich gebracht. Andere Nationen hatten auf diesen Missstand schneller reagiert, indem sie Museen mit angeschlossenen Kunstgewerbeschulen gründeten. Ende des 19. Jahrhunderts schwappte der Trend nach Deutschland über.

Brücke zwischen Handwerk und Industrie
Als Industriestadt hatte Bielefeld Anfang des 20. Jahrhunderts keine künstlerische Tradition vorzuweisen. Stattdessen prägten die Kaufmannschaft, das Leinengewerbe, Maschinenbau und Nahrungsmittelindustrie das Bild der Stadt. Genau dieser Gewerbereichtum veranlasste 1907 den preußischen Staat, in gemeinsamer Trägerschaft mit der Stadt Bielefeld eine Staatlich-Städtische Handwerker- und Kunstgewerbeschule zu gründen. Die Schule sollte Handwerk und Industrie bei der Gestaltung von Waren helfen, damit sich diese am Weltmarkt besser absetzen ließen.

„Die Schule sollte eine Brücke zwischen Handwerk und Industrie schlagen. Neben einigen Töchtern aus gutem Hause wurde sie deshalb überwiegend von Handwerkern besucht, die sich nach Feierabend weiterbilden wollten“, erklärt Dr. Andreas Beaugrand, Professor für Theorie der Gestaltung am Fachbereich Gestaltung der Fachhochschule Bielefeld. Anfang der 1970er Jahre hatte der heutige Fachbereich Gestaltung die Nachfolge der Handwerker- und Kunstgewerbeschule angetreten, die seit 1956 unter der Bezeichnung Werkkunstschule bekannt war.

Die Schule hatte Fachklassen für grafische und textile Berufe sowie für Mode. Darüber hinaus wurden Dekorationsmaler, Innenarchitekten, Tischler, Steinmetze, Bildhauer und Modelleure ausgebildet. Kennzeichnend für den Typus der preußischen Handwerker- und Kunstgewerbeschule war der Werkstattbetrieb, der praktische Arbeit ermöglichte und forderte. Die Lehrkräfte der Schule konnten private Aufträge annehmen und so ihre künstlerische Entwicklung fortführen. Im Laufe der Jahre erhielten sie zahlreiche Aufgaben von städtischer Seite, von Unternehmen und Privatleuten. Auf diese Weise ist die Schule noch heute im Stadtbild präsent – zum Beispiel mit Gebäuden, Plastiken, Kunst am Bau und in vielen Kirchen der Stadt. Manche Bielefelder Familie verwahrt noch Gegenstände, die aus der Kunstgewerbeschule herrühren, von der kompletten Zimmereinrichtung bis zu Schmuckstücken.

Namhafte Künstler erhielten Ausbildung in Bielefeld
„Viele ehemaligen Absolventinnen und Absolventen der Handwerker- und Kunstgewerbeschule haben das Erscheinungsbild der Moderne geprägt“, betont Prof. Dr. Andreas Beaugrand. „Die Schule nahm gerade im nordwestdeutschen Raum eine herausragende Stellung ein.“ Der expressionistische Maler Peter August Böckstiegel, die beiden Bauhaus-Künstler Wolfgang Tümpel und Kurt Kranz oder der Documenta-Organisator Jupp Ernst – viele namhafte Künstler erhielten ihre kunstgewerbliche Ausbildung in Bielefeld.

Eine umfassende Ausstellung im Historischen Museum der Stadt Bielefeld dokumentiert die wechselvolle Geschichte der Institution. „Es gab kaum einen bekannten Künstler in Bielefeld, der nicht in Verbindung mit der Schule stand, sei es als Lehrkraft, oft im Nebenamt, als ehemaliger Absolvent oder zumindest im anregenden Austausch bei Ausstellungen, Vorträgen und Künstlerfesten, die dort stattfanden“, erzählt Dr. Gerhard Renda, Kunsthistoriker am Historischen Museum. „Die Schule war Kristallisationspunkt des künstlerischen Lebens in der Stadt.“

Auf 500 Quadratmeter Ausstellungsfläche sollen der Werdegang der Schule vor dem Zeithintergrund, die künstlerischen Leistungen der Lehrkräfte und der Wandel der Lehrmethoden und Ausbildungsziele dargestellt werden. Die Vielfalt der Exponate dokumentiert eindrucksvoll einen hohen Anspruch – Gewerbe und Industrie durch Kunst zu veredeln.

Exponate zeigen die Bedeutung der Produktwerbung
Gemälde, Zeichnungen und Grafik vertreten die Malerklasse, die neben raumgebundenen Dekorationen immer auch freie Kunst hervorgebracht hat. Erzeugnisse der Gebrauchsgrafik wie Plakate, Verpackungen und Etiketten zeigen die Bedeutung der Produktwerbung. Dabei spielt frühzeitig die Fotografie eine wichtige Rolle. Beispiele der Bildhauertradition und plastischer kunsthandwerklicher Arbeiten leiten zum Möbelbau über. Wandteppiche und andere textilkünstlerische Arbeiten vertreten die bedeutende Textilklasse ebenso wie Entwürfe für die Textilindustrie und Mode.

Während vier Epochenräume mit den Exponaten bestückt sind, wird in einem Gegenwartsraum mit Computer und Film gearbeitet. „Wir wollten damit zeigen, dass der Fachbereich Gestaltung heute in einer ganz anderen Dimension arbeitet“, so Dr. Gerhard Renda. „Wurden damals noch Kerzenständer und Möbel entworfen, stehen gegenwärtig Fotografie und Medien sowie die Studienrichtung Mode im Fokus der Öffentlichkeit.“

Heute versteht sich der Fachbereich Gestaltung als akademischer Lehr- und Lernort für die angewandte Wissenschaft interdisziplinärer Gestaltung. „Die Vermittlung von Fremdsprachen-, Betriebswirtschafts- und EDV-Kenntnissen, interdisziplinär angelegten Gestaltungslehren in Theorie und Praxis sowie Auslandserfahrung werden immer wichtiger. Nur so können unsere Studierenden umfassend ausgebildet werden und als Absolventen konkurrenzfähig bleiben“, ist sich Prof. Dr. Andreas Beaugrand sicher.

Seit dem Wintersemester 2005/2006 bietet der Fachbereich Gestaltung der Fachhochschule Bielefeld deshalb den Studiengang Master of Arts in Gestaltung mit dem berufsqualifizierenden Abschluss Master of Arts an. Im Mai 2007 wurde der neue Bachelorstudiengang akkreditiert. Darüber hinaus, und bisher einmalig in der nordrhein-westfälischen Fachhochschullandschaft, wurde im Juli 2007 mit der Fakultät für Literaturwissenschaft und Linguistik der Universität Bielefeld ein kooperativer Promotionsstudiengang Gestaltung eingerichtet, der vom Wintersemester 2007/2008 an studiert werden kann. (6.854 Zeichen mit Leerzeichen)

Kontakt:
Professor Dr. Andreas Beaugrand
Fachhochschule Bielefeld | Fachbereich Gestaltung
Lampingstraße 3
33615 Bielefeld
Telefon: 05 21-106-76 63
Telefax: 05 21-106-76 90
E-Mail: Externer Link andreas.beaugrand@fh-bielefeld.de
Externer Link www.fh-bielefeld.de

Dr. Gerhard Renda
Historisches Museum der Stadt Bielefeld
Ravensberger Park 2
33607 Bielefeld
Telefon: 05 21-51-68 42
Telefax: 05 21-51-20 20
E-Mail: Externer Link renda@historisches-museum-bielefeld.de
Externer Link www.historisches-museum-bielefeld.de

„Werkkunst. Kunst und Gestaltung in Bielefeld 1907-2007“ lautet der Titel der kulturhistorischen Ausstellung, die vom Historischen Museum Bielefeld und dem Fachbereich Gestaltung der Fachhochschule Bielefeld gemeinsam realisiert wurde. Vom 14. Oktober 2007 bis zum 10. Februar 2008 ist im Historischen Museum der Wandel von der Staatlich-Städtischen Handwerkerschule mit kunstgewerblichen Tagesklassen (1907) über die Preußische Handwerker- und Kunstgewerbeschule (1913), die Meisterschule des Deutschen Handwerks (1938) und die Werkkunstschule (1956) zum heutigen Fachbereich Gestaltung, der 1971 zusammen mit der Fachhochschule Bielefeld gegründet worden ist, zu sehen.



Geben das Begleitbuch zur Ausstellung „Werkkunst. Kunst und Gestaltung in Bielefeld 1907-2007“ im Historischen Museum Bielefeld heraus: Prof. Dr. Andreas Beaugrand (l.), Professor am Fachbereich Gestaltung der Fachhochschule Bielefeld, und Dr. Gerhard Renda, Kunsthistoriker am Historischen Museum der Stadt Bielefeld.

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Bild: Sandra Sanchez

Die Werkkunstschule in Bielefeld im Jahr 1968. Bis 1956 war die Institution unter der Bezeichnung Staatlich-Städtische Handwerker- und Kunstgewerbeschule bekannt. Anfang der 70er Jahre trat der heutige Fachbereich Gestaltung der Fachhochschule Bielefeld die Nachfolge an.

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Bild: Gottfried Jäger

Das Bielefelder Unternehmen Dürkopp ließ über die Handwerker- und Kunstgewerbeschule ein Plakat von dem Bielefelder Grafiker Fritz Landwehr gestalten und bewarb damit 1920 fast futuristisch die Automobile aus eigener Produktion.

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Bild: Historisches Museum, Bielefeld