Alte Quellen neu entdeckt

Ein Porträt des Bielefelder Historikers Professor Dr. Bernhard Jussen, Leibniz-Preisträger 2007

(11.03.2007) Wie finden wir heraus, was Menschen in der Vergangenheit dachten? Welche Bilder prägten ihre Vorstellungen? Und wie unterscheiden sich unsere heutigen Vorstellungen von politischer Ordnung von denen unserer Vorfahren? Prof. Dr. Bernhard Jussen ist Mittelalterforscher und untersucht die Einstellung von Menschen zur politischen Ordnung. Sein Vorgehen ist ungewöhnlich: Der Historiker der Universität Bielefeld analysiert Sprachstrukturen statt Definitionen und Sammelalben statt Historienmalerei. Am 13. März 2007 wird Bernhard Jussen in Berlin der Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis verliehen. Die renommierte Auszeichnung der Deutschen Forschungsgemeinschaft ist mit 2,5 Millionen Euro der höchstdotierte deutsche Förderpreis.

Als der Prorektor ihm die frohe Botschaft übermittelte, saß Bernhard Jussen nichtsahnend beim Arzt. „Hätte ich vorher von meiner Nominierung gewusst, wäre ich genauso kalt erwischt worden“, bekennt der 47-Jährige. „Ich suche in meiner Forschung immer einen Gegenwartsbezug, und das ist in der Mittelalterforschung nicht die Regel. Mit der Auszeichnung wird dies als förderungswürdig anerkannt. Da fällt ein großer Druck von mir ab.“

Bernhard Jussen studierte Geschichte, Philosophie und Katholische Theologie in München und Münster, promovierte 1988 an der Universität Münster und habilitierte sich 1999 an der Universität Göttingen. Seit 2001 lebt er mit seiner Familie am Teutoburger Wald und lehrt mittelalterliche Geschichte an der Universität Bielefeld.


Ein Forschungsschwerpunkt des gebürtigen Aacheners ist der Ausbau des Forschungsfeldes „Historische Semantik“ – der Bedeutungsforschung: „Die Grundannahme ist, dass sich die Denkweisen und Hierarchien einer Gesellschaft in festen Schlagworten und Wortkombinationen niederschlagen. Menschen verinnerlichen diese Muster mit dem Spracherwerb und geben sie so von Generation zu Generation weiter.“ Die Sprachmuster historischer Gesellschaften seien nur sehr mühsam zu entschlüsseln. „Um die Bedeutung eines Wortes in einer mittelalterlichen Redesituation zu verstehen, schaue ich mir nicht an, wie der Autor es definiert, sondern wie er es spontan benutzt.“

Bernhard Jussen stützt seine Ergebnisse auf eine breite empirische Basis: Urkunden, juristische Texte, Chroniken, Predigten und Lebensbeschreibungen von Heiligen – all dies soll helfen, die Logik vergangener Sprachen zu verstehen. Darüber hinaus hegt er seit Jahren ein Forschungsinteresse, das ihn zur Beschäftigung mit Bildern führte.

Sammler aus Leidenschaft
Bernhard Jussen will wissen, welche Vorstellungen von der eigenen Vergangenheit breite Schichten der Bevölkerung teilen. Bilder spielen in seinen Betrachtungen die Hauptrolle, denn sie „wirken direkter auf Wahrnehmung und Gedächtnis als Texte“. „Ich frage mich: Welches Bild rief das Stichwort Mittelalter nach der Reichsgründung, in der NS-Zeit, in der BRD oder DDR im Gedächtnis eines Arbeiters, eines Angestellten oder eines wohlhabenden Bürgers hervor? Wurden nach 1945 bestimmte Mittelalter-Illustrationen ausgesiebt und durch andere ersetzt?“

Auch die Akteure interessieren den Leibniz-Preisträger: „Wer ist in der Lage, die Bilder von der Vergangenheit zu verändern? Da ist ein Steven Spielberg weit effizienter als tausend Historiker.“ Fest steht: In den Bilderkanon einer Gesellschaft halten ständig neue Bilder Einzug, während andere daraus verschwinden. „In den dreißiger Jahren kannte jedes Kind in Deutschland den Braunschweiger Löwen. Heute kennen ihn nur noch Kinder aus Braunschweig.“

Prof. Dr. Bernhard Jussen sammelt und systematisiert Bildmaterial, das im Jahrhundert vor dem Fernsehzeitalter massenhaft verbreitet war. Sein Gegenüber erstaunt der dreifache Familienvater schon jetzt mit unzähligen Schul- und Sachbüchern, mit einem farbenprächtigen Verzeichnis deutscher Stadtwappen, mit Abbildungen von alten Germanen oder Kriegsschiffen aus Zigarettenschachteln der dreißiger Jahre. „In Sammelalben halten sich Vorstellungen sehr lange. Schulbücher wurden als herrschaftliche Medien immer schnell bereinigt von dem, was aus den Köpfen sollte.“ An den Bürowänden des hochgewachsenen Professors versammelt sich nicht nur das, was „Zeit erzählt“, sondern auch das, „was mir Spaß macht“: Die Berichterstattung der „Bild“ zum deutschen Fußball-Debakel gegen England im Jahr 2001, das Ausreise-Visum von Wolf Biermann, eine Seite aus einem Pixie-Buch oder freche Werbemotive eines Marmeladen-Produzenten. Jeder Schatz für sich ist sorgsam gerahmt.

Angekommen in der „Bielefelder Schule“
Der frühere Gastprofessor an der University of Michigan, Ann Arbor, arbeitete von bis 1988 bis 2001 am Max-Planck-Institut für Geschichte in Göttingen. Den Wechsel an die Universität Bielefeld bezeichnet er als folgerichtig: „Die Universität Bielefeld ist für einen Historiker per se attraktiv. Und ich kam aus einem wissenschaftlichen Kontext, der dem hiesigen sehr gleicht.“ Nichtsdestotrotz musste sich auch Bernhard Jussen „in ein Gebiet hineinfuchsen“, das seit rund acht Jahren als Bielefelder Schwerpunkt ausgebaut wird: Historische Politikforschung. „Dies ist der Versuch, die klassische Politikgeschichte, also die Diplomatie-, Kriegs- und Entscheidungsgeschichte, neu zu erfinden.“

An der Universität Bielefeld interessiert man sich dafür, wie zu verschiedenen Zeiten politische Räume zugeschnitten waren, wie Themen politisch wurden und Personen zu politischen Akteuren. Bernhard Jussen: „In den siebziger Jahren hat man noch diskutiert, ob Bürgerinitiativen etwas Politisches sind oder nicht. Im 18. Jahrhundert war ein Wort wie ‚Gesundheitspolitik‘ undenkbar, weil Gesundheit nichts mit Politik zu tun hatte. Umgekehrt gibt es auch Felder, die aus dem Politischen ins Bürokratische abwandern.“

Unter dem Dach der 2002 gegründeten „Bielefelder Schule für Historische Forschung“ werden in Bielefeld alle Forschungsaktivitäten der Geschichtswissenschaft gebündelt. Eine große Hoffnung der Bielefelder Historiker und Soziologen bekommt durch den Leibniz-Preis weiteren Rückenwind: der Antrag auf eine Graduiertenschule im Rahmen der Exzellenzinitiative von Bund und Ländern.

2,5 Millionen Euro Preisgeld erhalten die diesjährigen Leibniz-Preisträger – so viel wie nie zuvor in der Geschichte der Auszeichnung. Bernhard Jussen will das Geld aufteilen auf zwei Projekte in den Forschungsschwerpunkten „Historische Semantik“ und „Historische Verwandtschaftsforschung“. „In sieben Jahren wird abgerechnet“, sagt der Bielefelder. „Dann wird sich zeigen, ob bei mir der Leibniz-Preis als Förderinstrument funktioniert hat.“ (6.554 Zeichen mit Leerzeichen)

Kontakt:
Prof. Dr. Bernhard Jussen
Universität Bielefeld
Schule für Historische Forschung
Universitätsstraße 25
Postfach 100131
33615 Bielefeld
Telefon: 0521-106-3260
Telefax: 0521-106-2966
E-Mail: Externer Link bernhard.jussen@uni-bielefeld.de
Externer Link www.bernhard-jussen.de


Prof. Dr. Bernhard Jussen wird am 13. März 2007 mit dem Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis ausgezeichnet. Der Historiker der Universität Bielefeld forscht auf den Gebieten der Historischen Bedeutungslehre, des kollektiven Bildwissens und der Verwandtschaftsforschung.

Bild speichern Druckversion
jpg, 4656 KB
2136x3216 Pixel
300 dpi
Bild: Susanne Freitag

Stadtwappen, Kriegsschiffe und 1.000 Jahre deutsche Geschichte: Der Bielefelder Leibniz-Preisträger Prof. Dr. Bernhard Jussen sammelt Alben und Verzeichnisse, die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts massenhaft verbreitet wurden. Die farbenfrohen Sammelbilder prägten die Vergangenheitsvorstellung der Bevölkerung.

Bild speichern Druckversion
jpg, 3248 KB
3216x2136 Pixel
300 dpi
Bild: Susanne Freitag