„Was juckt mich das?!“ geht alle an

In Bielefeld sensibilisiert ein ehrgeiziges Schulprojekt für den Umgang mit Allergikern

(26.02.2007) Niesanfälle und brennende Augen, juckende Ekzeme und Atemnot: Kinder, die von Allergien, Neurodermitis oder Asthma betroffen sind, führen häufig einen einsamen Kampf gegen ihre Krankheit – und gegen die Isolation. Denn Unwissenheit schürt Ängste und hässliche Kratzwunden entlocken anderen Kindern nicht selten ein ablehnendes „Igitt!“. Mit einem ehrgeizigen Schulprojekt setzen sich die Bielefelder Bürgerstiftung, das Evangelische Krankenhaus Bielefeld und das Schulamt für die Stadt Bielefeld für ein besseres Verständnis im Umgang mit Allergien ein. In den Monaten Februar bis Mai 2007 erreicht das Seminar „Allergie und Schule. Was juckt mich das?!“ rund 1.200 Drittklässler sowie deren Eltern und Lehrer.

Bundesweit leiden rund 10 bis 15 Prozent aller Kinder und Jugendlichen an einer Allergie. Das Atemwegsleiden Asthma bronchiale ist die häufigste chronische Erkrankung im Kindes- und Jugendalter und Hauptgrund für die Einweisung in eine Kinderklinik. Zwei Betroffene sitzen neuesten Schätzungen zufolge in jeder Schulklasse. „Im Alltag von Grundschulkindern gibt es zahlreiche Probleme, die öffentlich diskutiert werden. Dass Allergien bislang nicht dazugehören, wollten wir nicht länger hinnehmen“, sagt Anja Böllhoff, Vorsitzende der Bielefelder Bürgerstiftung. „Wir sind überzeugt: Folgen wie Konzentrationsmängel und Schlafstörungen sind es wert, ernst genommen zu werden.“ Mitte 2006 initiierte die Mutter einer betroffenen Zweitklässlerin deshalb die Aktion „Was juckt mich das?!“

Verständnis fördern, Isolation durchbrechen
Herzstück der ehrgeizigen Idee ist eine Unterrichtseinheit von zwei Schulstunden, die in enger Absprache mit den Lehrkräften dritter Klassen durchgeführt wird. Altersgerechte Wissensvermittlung, spannende Experimente und Spiele sprechen in ihrer Kombination verschiedene Zielgruppen an. „Wir wünschen uns, dass Betroffene aus ihrer Isolation ausbrechen und ihre Mitschüler die nötige Toleranz entwickeln“, erklärt Anja Böllhoff. Den Eltern und Lehrern stellt die Bielefelderin durch eine Informationsveranstaltung im Vorfeld neue Erkenntnisse in Aussicht: „Auch ein asthmakrankes Kind kann Sport treiben und die richtige Reaktion auf einen Anfall ist lernbar.“

Projektleiterin Katharina Hagemeister, Asthma- und Neurodermitistrainerin an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin Bethel in Bielefeld, verfügt wie ihre Kollegin, die Präventionsassistentin Susanne Behr, über einen großen Erfahrungsschatz in der Schulung von kleinen Patienten und deren Eltern: „Der größte Unterschied zu unserer täglichen Arbeit besteht darin, dass für die meisten Schulkinder das Thema Allergie vollkommen neu ist. Auch der Zeitrahmen ist viel knapper bemessen als wir das sonst von Schulungen kennen.“ Für „Was juckt mich das ?!“ haben die beiden Fachkinderkrankenschwestern deshalb ein ganz neues Konzept erarbeitet. Vorbilder hatten sie nicht.

Durch den Strohhalm wird die Luft knapp
„Wir schauen uns mit den Kindern einen gläsernen Menschen an und überlegen gemeinsam, was seine entzündeten Bronchien anrichten. Wir nehmen auch ein Hautmodell unter die Lupe und kümmern uns um das Thema Antikörper. Dafür gibt es jetzt ein Anschauungsexemplar aus Pappmaché“, berichtet Susanne Behr lächelnd.

Neben verschiedenen Spielen ist bei „Was juckt mich das?!“ Selbsterfahrung ein großes Thema: Kinder, die mit zugehaltener Nase zwei Minuten durch einen Strohhalm atmen, bekommen eine Vorstellung davon, was Asthmatiker durchleiden. Und wer sich einmal mit einer stark fetthaltigen Creme die Hände eingerieben hat, wird künftig die Schwierigkeiten des an Neurodermitis erkrankten Mitschülers beim Malen nachvollziehen können.

Das Schulamt für die Stadt Bielefeld unterstützt „Was juckt mich das?!“ nach besten Kräften. Unter dem Leitmotiv der „guten und gesunden“ Schule ist die Planung, Durchführung und nachhaltige Absicherung von gesundheitsfördernden Aktivitäten ohnehin ein Dauerthema. „Im September 2006 haben wir das Anliegen von Anja Böllhoff in der Schulleiterdienstbesprechung vorgestellt, im Dezember wurden die Informationen an die Schulen versendet und nur zwei Monate später fand die erste Information interessierter Eltern und Lehrer statt“, freut sich Schulamtsdirektorin Jutta Schattmann über die schnelle Abwicklung. „Jetzt hoffen wir, dass Bielefeld ein Beispiel für andere Städte wird.“ Initiatorin Anja Böllhoff zieht schon vor Aktionsbeginn ein zufriedenes Fazit: „Es tut gut zu erleben, dass hier bürgerschaftliches Engagement nicht durch bürokratische Hürden ausgebremst wird.“ (4.512 Zeichen mit Lehrzeichen)

Kontakt:
Bielefelder Bürgerstiftung
Anja Böllhoff
c/o Lessinghaus
Lessingstraße 3
33604 Bielefeld
Telefon: 05 21-98 89-634
Telefax: 05 21-98 89-021
E-Mail: Externer Link info@bielefelder-buergerstiftung.de

Klinik für Kinder- und Jugendmedizin/Allergologie in Bethel (EvKB)
Katharina Hagemeister, Projektleiterin
Susanne Behr
Grenzweg 10-14
33617 Bielefeld
Telefon: 05 21-7 72 78-101
Telefax: 05 21-7 72 78-102
E-Mail: Externer Link KatharinaHagemeister@arcor.de

Schulamt für die Stadt Bielefeld
Jutta Schattmann
Schulamtsdirektorin
Ravensberger Straße 12
33597 Bielefeld
Telefon: 05 21-51 23 46
Telefax: 05 21-51 66 46
E-Mail: Externer Link jutta.schattmann@bielefeld.de




Gruppenbild mit „Antikörper“: Die Bielefelder Drittklässler Julius, Julian, Bersin und Eva-Lotta (v. l.) lauschen den Erklärungen von Katharina Hagemeister (2. v. l.) und ihrer Kollegin Susanne Behr. Die Fachkinderkrankenschwestern vom Kinderzentrum des Evangelischen Krankenhauses in Bielefeld-Bethel haben das Konzept von „Allergie und Schule. Was juckt mich das?!“ entwickelt. Außerdem führen sie die Informationsveranstaltungen für Schüler, Eltern und Lehrer durch.

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Bild: Susanne Freitag

Für „Allergie und Schule. Was juckt mich das?!“ kooperieren das Kinderzentrum des Evangelischen Krankenhauses in Bielefeld-Bethel und die Bielefelder Bürgerstiftung (v. l.): Susanne Behr, Fachkinderkrankenschwester und Präventionsassistentin, Projektleiterin Katharina Hagemeister, Fachkinderkrankenschwester, Asthma- und Neurodermitistrainerin, sowie die Vorsitzende der Bürgerstiftung, Anja Böllhoff.

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Bild: Susanne Freitag