Ein Kragen für Papst Benedikt

In Bielefeld sitzt Deutschlands einzige Manufaktur für Schwesternhauben und Priesterkragen / Kunden in der ganzen Welt

(14.02.2007) Welche Schwester ihm auch immer begegnet, Heinrich Bracksiek erkennt ihren Orden auf Anhieb. Es sind die Hauben, die dem 77-jährigen Bielefelder verraten, welcher Gemeinschaft die fromme Frau angehört. In einer in Deutschland einmaligen Manufaktur produziert Heinrich Bracksiek mit seinem Sohn und acht Näherinnen Bekleidung und Zubehör für Ordensfrauen, Priester und Turniertänzer.

Das Faxgerät piept und übertönt das melodische Telefonsignal: Die Vorwahl 0039 auf dem Display deutet auf eine Nachricht aus Italien hin. Bracksiek senior nimmt das Fax zur Hand: „Das könnte Gammarelli gewesen sein.“ Der Schneider des Vatikans bestellt regelmäßig Zubehör für Priester. „60 bis 70 Dutzend Kragen im Jahr sind es mindestens“, sagt der Unternehmer – und Papst Benedikt XVI. trage ebenfalls Kragen aus Bielefeld. Bracksiek schaut für einen Moment ernst drein: „Selbstverständlich tut er das.“

Niedergang des Schwesternhäubchens
Der temperamentvolle alte Herr leitet den Familienbetrieb in der dritten Generation. 1888 gründete sein Großvater die Wäschefabrik. Die Produktion konzentrierte sich zunächst auf Hemden und aufknöpfbare Stärkekragen. Nach dem frühen Tod des Gründers übernahm dessen Ehefrau das Unternehmen und hatte bis zu ihrem 92. Lebensjahr ein waches Auge auf alle Geschehnisse. Weil Frauen zur damaligen Zeit allein nicht geschäftsfähig waren, gehörte für fünf Jahre ein Teilhaber namens Hemmelskamp der Firma an.

Zwischen 1936 und dem Ende des zweiten Weltkriegs lag das Geschick der Fabrik in den Händen der Eltern des heutigen Seniorchefs, der inzwischen seit zweieinhalb Jahrzehnten die Verantwortung trägt. Ihm steht sein Sohn Klaus-Henrich im Bereich Zuschnitt zur Seite.

Nach dem zweiten Weltkrieg brach bei Bracksiek & Hemmelskamp eine neue Zeitrechnung an: Die neuartige Permanentversteifung von Kragen und Hauben hielt Einzug in den Produktionsalltag, zugleich veränderte sich die Kernzielgruppe. Längst verrichten Krankenschwestern ihren Dienst ohne Haube und in den Klöstern fehlt der Nachwuchs. Deshalb werden heute in Bielefeld hauptsächlich Priesterkragen und Priesterhemden produziert – letztere auf speziellen Wunsch hin auch als Maßanfertigung.

Turniertänzer schwören auf Bracksiek-Hemden
Später nahm die Manufaktur auch noch Turnierfrackhemden und spezielle Tänzerkragen in ihr Sortiment auf. Was all die eleganten Tänzer unter ihrem Frack tragen? Ein Bracksiek-Hemd oder einen Body mit permanentversteifter Brust aus feinstem Schweizer Piquee, die den Herren während des Turniers die erforderliche Beweglichkeit gewähren. In Bracksieks Nähstube versteht sich vor allem Heike Niehaus auf die Fertigung dieser Kleidungsstücke.

Ihre Kolleginnen Elke Menzel und Susanne Bunte fügen an ihren Nähmaschinen vorgeschnittene Baumwollstreifen zu Kragen und Hauben zusammen. Das geht ihnen flink von der Hand, so dass eine Näherin pro Tag 100 Hauben fertig stellt. „Der letzte Dezember war ganz verrückt“, erinnert sich Heinrich Bracksiek noch gut. Die Erhöhung der Mehrwertssteuer 2007 belebte auch sein Geschäft.

120 Kragenformen, 400 Haubenmodelle
„Bethesda“, „St. Trudpert“, „Schönstatt“, „Schwedenhauben“, „Kaiserswerth“ und weitere Beschriftungen auf den flachen Kartons aus grauem Pappmaché verraten den Bestimmungsort der Hauben. Ob Münsterland oder USA: „Wir beliefern die ganze Welt“, sagt der Bielefelder.

120 unterschiedliche Kragenformen und knapp 400 Haubenmodelle hat er im Repertoire. „Pius- oder hinten zu schließende Urbankragen, Collarkragen ...“, zählt der Senior auf. Die anglikanische Kirche gehört zu seinen Kunden, und auch die Methodisten bestellen in Bielefeld. „Dem Hemd ist die Religionszugehörigkeit doch völlig egal.“ Er dreht sich um und drückt den roten Knopf einer etwa fünf Meter langen, aus Eisen gegossenen grünen Maschine. „Unsere Presse. Ohne die könnten wir nicht leben“, schreit er gegen das Dröhnen der Maschine an.

Sorgfältig legt er Kragenteile in Fünferreihen auf das Laufband. Im Innern des Geräts drückt ein auf 160 Grad erhitzter Stempel 18 Sekunden lang gegen die Kragen und sorgt damit für die beliebte Permanentversteifung. „Die Teile brauchen später nicht mehr gestärkt zu werden“, erklärt Hertha Kaldeweier. „Das freut die Hausfrau ganz besonders.“ Die 76-Jährige steht am anderen Ende der Maschine und legt die steifen Kragen behutsam zu gleich hohen Stapeln aufeinander. „Unsere Hertha“, wie der Chef sie nennt, gehört seit 18 Jahre zur Belegschaft. „Ruhig sitzen und nichts tun, das ist nichts für uns.“ Ruhestand? Mit 77 Jahren hat Heinrich Bracksiek dafür keine Zeit. Das muss wohl in den Genen liegen.(4.569 Zeichen mit Leerzeichen)

Kontakt:
Bracksieck & Hemmelskamp
Kristina Bracksiek-Campbell
Luisenstraße 40
33602 Bielefeld
Telefon: 05 21-17 12 64
Telefax: 05 21-6 87 54
E-Mail: Externer Link kristina@brackbell.com
Externer Link www.bracksiek-hemmelskamp.de


Die Wäschefabrik Bracksiek & Hemmelskamp wurde 1888 gegründet und wird heute von Heinrich Bracksiek (l.) in dritter Generation geführt. Der rüstige Bielefelder wird unterstützt von Sohn Klaus-Henrich Bracksiek und Näherinnen wie Heike Niehaus (M.), Elke Menzel (2. v. r.) und Susanne Bunte.

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Bild: Susanne Freitag

Pius, Urban, Collar und mehr: 120 unterschiedliche Kragenformen stellt die Wäschefabrik Bracksiek & Hemmelskamp aus Bielefeld her. 60 bis 70 Dutzend werden jährlich an die Adresse des Vatikans versendet.

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Bild: Susanne Freitag

Arbeitsalltag in der Wäschefabrik Bracksiek & Hemmelskamp in Bielefeld: Elke Menzel (vorn) und ihre Kolleginnen nähen Hauben, Kragen und Hemden für Ordensfrauen, Priester und Tänzer in der ganzen Welt.

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