Alles gut bedacht: Textile Bauten für Sportler, Papst und Kanzlerin

Aufsehen erregende Dächer in aller Welt tragen die Handschrift des Bielefelder Professors Dr.-Ing. Joachim Bahndorf

(01.02.2007) Sein illustrer Kundenkreis kommt ihm fast beiläufig über die Lippen: „Die FIFA, das Olympische Komitee und der Papst.“ Joachim Bahndorf, Spezialist für textiles Bauen an der Fachhochschule Bielefeld, hat eine Software für die Berechnung Aufsehen erregender Dachkonstruktionen entwickelt. Die Commerzbank Arena in Frankfurt am Main, die AWD-Arena in Hannover, die AOL Arena in Hamburg oder das Berliner Olympiastadion tragen ebenso seine Handschrift wie die 30.000 Zelte für muslimische Pilger in Medina, das Segel über dem Eingang des Bundeskanzleramts oder das Zeltdach für Papst Benedikt bei dessen Deutschlandbesuch.

Joachim Bahndorfs Spezialgebiet textiles Bauen ist spätestens mit der Münchner Allianz Arena ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Die spektakuläre Hülle des Stadions besteht aus 2.800 mit Luft gefüllten Kissen, die bei einer Größe von immerhin 8 mal 4 Metern lediglich 0,2 Millimeter dick sind. „Die Fachwelt spricht von pneumatischen Kissen, also Hüllen, die ihre Stabilität durch Innendruck erhalten. Das ist im Prinzip nichts anderes als wenn man einen Müllbeutel aufbläst und zuknotet“, erklärt der 49-Jährige. Die Planungsphase der bayerischen Vorzeige-Arena hat Bahndorf noch in lebhafter Erinnerung: „Der Architekt hatte dem bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber einen blau-weiß illuminierten Rautenhimmel versprochen. Die Frage nach dem ‚Wie‘ hatten wir Ingenieure zu lösen.“

Das Dach der Zukunft
Vorteile wie Nachteile dieser Form textilen Bauens sind bekannt: Pneumatische Kissen lassen zwar ein hohes Maß an Strahlung durch, sind dabei allerdings wenig stabil und in ihrer Größe begrenzt. Seit September 2005 gilt die Aufmerksamkeit des Bielefelder Professors deshalb einem Forschungsprojekt, das sich die Entwicklung transparenter Hüllen mit großen Spannweiten zum Ziel gesetzt hat. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert das Gemeinschaftsprojekt der Fachhochschulen Bielefeld und München in Zusammenarbeit mit Unternehmen mit insgesamt 300.000 Euro.


Rund eineinhalb Jahre nach Projektstart scheint das optimale Material für das Dach der Zukunft gefunden. Die Kombination zweier transparenter Folien mit dünnen, hoch reißfesten Seilen oder Garnen erlaubt großflächige Gebäudehüllen, deren Spannweite die von reinem Holz oder Beton um das Zwei- bis Dreifache übertreffen. Die Bielefelder führen die notwendigen Simulationsrechnungen durch, die Münchner Kollegen die Versuchsreihen. „Die neue Netzfolie ist stärker als eine LKW-Plane“, berichtet Prof. Dr.-Ing. Joachim Bahndorf stolz. Und damit nicht genug: Weil die neuartige Folie bis zu achtzig Prozent Licht durchlässt, dürfte auch welker Stadionrasen bald der Vergangenheit angehören.

Die deutschen Wirtschaftspartner, allesamt internationale Marktführer ihrer Branche, dürfen dank der innovativen Folie auf Aufträge in Millionenhöhe hoffen. „Es muss mittelfristig gelingen, ein Stadion mit der innovativen Netzfolie einzudecken“, sagt Bahndorf und hat dabei die kommende Fußballweltmeisterschaft in Südafrika im Sinn. Deutschland würde dies einen enormen technologischen Vorsprung auf dem Gebiet des textilen Bauens sichern: „Der Bedarf an transparenten Folien ist enorm, der Anwendungsbereich hat sich seit 1990 verdreifacht und bei einem einzigen Stadiondach sprechen wir von mehreren zehntausend Quadratmetern Fläche.“

Software-Lizenz für 400 Kunden weltweit
Das Prinzip „Geht nicht, gibt’s nicht“ lebte der gebürtige Schwarzwälder schon als Student. Damals, zehn Tage vor dem Mauerfall, gründete er gemeinsam mit Kommilitonen in Berlin jenes Unternehmen, das bis heute rund 400 Kunden Lizenzen für die bahnbrechende Statik-Software verkauft hat. Längst sind Dependencen in Stuttgart und Peking entstanden – besonders in Mittelamerika und den arabischen Ländern boomt der Markt für Aufsehen erregende Dächer.

Im Jahr 2001 trat Joachim Bahndorf seine Stelle als Professor für Verkehrsbau und Vermessungswesen an der Fachhochschule Bielefeld auf dem Campus in Minden an – fest davon überzeugt, dass seine Disziplin den Wissenstransfer viel zu lange versäumt hatte. Weil weltweit gerade einmal eine Handvoll Menschen die riesigen Leichtdächer konstruieren können, hofft der frisch gebackene Dekan des Fachbereichs Architektur und Bauingenieurwesen jetzt auf fähige und begeisterungsfähige Studenten.

Sicherheit für Fans und Sonnenanbeter
„Spannende Diplom-Themen liegen auf der Straße! Warum soll ich jemanden ein fertiges Ärztehaus ein zweites Mal berechnen lassen, wenn er sich auch mit einer windresistenten Public-Viewing-Area auseinandersetzen kann? Es kann doch nicht sein, dass die Fußballfans bei der kommenden Europameisterschaft wieder 15 Minuten vor Spielbeginn nach Hause geschickt werden, weil Sturm aufzieht.“

Als Mitorganisator der mit großem Erfolg stattfindenden „Textile-Roof-Workshops“ fördert Bahndorf den Erfahrungsaustausch zwischen Architekten, Bauingenieuren, Konfektionären und Herstellern. Zum elften Mal dreht sich im Juni 2007 an der Technischen Universität Berlin alles um die neuesten Entwicklungen auf dem Gebiet des textilen Bauens. Und welches Projekt liegt dem rührigen Professor noch auf der Seele? „Gewöhnliche Segel und Markisen aus dem Baumarkt. Es muss eine DIN-Norm her, damit der Verbraucher weiß, wann ihm sein Sonnenschutz davon fliegt.“ (5.283 Zeichen mit Leerzeichen)

Kontakt:
Prof. Dr.-Ing. Joachim Bahndorf
Fachhochschule Bielefeld
Fachbereich Architektur und Bauingenieurwesen
Verkehrsbau und Vermessungswesen
Artilleriestraße 9
32427 Minden
Telefon: 05 71-83 85-0
Telefax: 05 71-83 85-250
E-Mail: Externer Link joachim.bahndorf@fh-bielefeld.de
Externer Link www.fh-bielefeld.de


Rund 2.800 rautenförmige Kissen umschließen die Allianz Arena in München. Mit einem aufgeblasenen Müllbeutel demonstriert der Bielefelder Prof. Dr.-Ing. Joachim Bahndorf das Prinzip der aufgespannten Einzelteile.

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"Ein selbstgebautes Modell ist durch nichts zu ersetzen“, ist Joachim Bahndorf überzeugt. Der Professor für Verkehrsbau und Vermessungswesen an der Fachhochschule Bielefeld ist seit Januar 2007 Dekan des Fachbereichs Architektur und Bauingenieurwesen.

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