Brückenbauerin zwischen den Kulturen

Veronika Radulovic aus Bielefeld lebte und lehrte zwölf Jahre in Hanoi/Ihre Erlebnisse hat sie in einem Buch niedergeschrieben

(06.10.2006) Eigentlich wollte Veronika Radulovic nur vier Monate in Hanoi verbringen, um die Kunst der vietnamesischen Lacktechnik zu lernen. Aus den vier Monaten wurden zwölf Jahre. Von 1993 bis 2005 hat die Künstlerin aus Bielefeld in der vietnamesischen Hauptstadt gelebt und gearbeitet. Als erste und einzige westliche Gastdozentin hat sie an der dortigen Hochschule für Kunst gelehrt und die Entwicklung einer freien Kunstszene entscheidend mitgeprägt. „Ich kam in einer Zeit nach Vietnam, in der sich das Land zum Westen öffnete und sich innerhalb eines Jahrzehnts in einem wahnsinnigen Tempo veränderte“, sagt sie.

Bei einem Aufenthalt in Singapur hatte Veronika Radulovic 1993 die Autorin des ersten Vietnam-Reiseführers kennengelernt, die sie auf die vietnamesische Lacktechnik aufmerksam machte. Neugierig geworden, reiste sie zunächst für zehn Tage nach Hanoi. „Ich wusste nichts über die Kunst des Landes und hatte Vietnam bis dahin immer nur mit Krieg assoziiert“, erzählt die 52-Jährige. Sofort war sie fasziniert von der Vier-Millionenstadt am Roten Fluss. „Hanoi hatte damals außer den Spuren der französischen Kolonialgeschichte keinen westlichen Anstrich. Es gab keine Westprodukte, so gut wie keine Autos, und kaum jemand besaß ein Telefon“, berichtet die Künstlerin.

Erste westdeutsch-vietnamesiche Kunstausstellung
Auf die erste Stippvisite folgte wenig später ein viermonatiger Arbeitsaufenthalt. Veronika Radulovic lernte die Lacktechnik, trug behutsam Schicht für Schicht des Naturlacks auf, schleifte die Farbe wieder ab, trug neue Schichten auf. „Einer der ersten Sätze, die ich in vietnamesischer Sprache beherrschte, war: Haben Sie deutsches Schmirgelpapier?“, erzählt sie lachend. Einen 24 Platten umfassenden Zyklus zum Roten Fluss schuf sie in dieser Zeit. Dazu gelang ihr etwas noch nie zuvor Dagewesenes: Die Bielefelderin organisierte die erste gemeinsame Ausstellung westdeutscher und vietnamesischer Künstler.

Die 90er Jahre waren die Anfangsjahre der Erneuerungspolitik in Vietnam, eine Zeit, in der sich das Land nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion als sozialistische Republik neu im weltpolitischen Kontext zu positionieren versuchte. Man war begierig nach Informationen aus dem Westen, und westliches Wissen war plötzlich auch in der Künstlerausbildung gefragt.

Zunächst für drei Monate wurde Veronika Radulovic 1994 als Gastdozentin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) an die Hochschule für Kunst in Hanoi berufen, um dort internationale westliche Kunst zu unterrichten. Neben ihrer Tätigkeit an der Hochschule engagierte sich die Künstlerin aus Bielefeld schon bald als Vermittlerin junger vietnamesischer Kunst im Ausland. Bereits 1996 war sie Kuratorin einer Ausstellung vietnamesischer Künstler im Museum für Lackkunst in Münster. Im Haus der Kulturen der Welt in Berlin realisierte sie das Ausstellungsprojekt „Gap Vietnam“, dazu kamen Ausstellungen in ihrer Heimatstadt Bielefeld. Ihrem Engagement war es zu verdanken, dass namhafte westliche Künstler wie Günther Uecker Hanoi besuchten und Arbeiten von Christo und Jeanne-Claude in Hanoi ausgestellt werden konnten.

Aus der Künstlerin wurde eine Diplomatin
Veronika Radulovic lernte, sich an vieles zu gewöhnen. An die hohe Luftfeuchtigkeit und Temperaturen bis zu 40 Grad. An Nudelsuppen zum Frühstück, an frittierte Reisklumpen und an überzuckerten, mit warmem Wasser verdünnten Orangensaft. Sie gewöhnte sich an die lärmende Propaganda der Kommunistischen Partei, die aus den großen Straßenlautsprechern drang, und daran, dass jeden Morgen um 4.15 Uhr direkt vor ihrer Haustür ein Schwein geschlachtet wurde.

„Der Alltag in Südostasien war eine Sache, die Arbeit mit den Künstlern Hanois und die Lehre an der Hochschule eine weitere“, sagt die Bielefelderin. Konfrontiert mit einer Kunst, die ausschließlich die Interessen des Staates erfüllen musste, erforderte die Vermittlung internationaler zeitgenössischer Kunst im kommunistischen Vietnam eine große Frustrationstoleranz und ein hohes Maß an interkultureller Vermittlungsfähigkeit: „Ich bin als Künstlerin nach Vietnam gegangen, irgendwann wurde ich zur Diplomatin.“

Erlebnisse in einem Buch niedergeschrieben
Mit der Aufhebung des US-Wirtschaftsembargos im Jahr 1994 setzte der rasante Wandel Vietnams ein, den Veronika Radulovic hautnah miterlebte. Tausende von Marlboro-Werbeplakaten bestimmten über Nacht das Straßenbild – sie trugen den vietnamesischen Aufdruck „Rauchen ist schmackhaft und gut“. Bereits am Tage nach der Aufhebung des Embargos wurden zwei überdimensionale Coca-Cola-Flaschen vor dem Eingangsportal des Hanoier Opernhauses aufgestellt. Shopping-Center, Finanzpaläste und Bürogebäude schossen innerhalb kurzer Zeit aus dem Boden, der Straßenverkehr nahm gigantische Ausmaße an – eine Entwicklung, die bis heute anhält. Und nach dem 11. September 2001 boomte auch der Tourismus: Vietnam gilt seitdem als das sicherste Urlaubsland in Südostasien.

„Das Hanoi meiner Anfangsjahre gibt es nicht mehr“, sagt Veronika Radulovic. Im Juni 2005 ist sie nach Deutschland zurückgegangen. In Berlin hat sie die Erfahrungen und Erlebnisse ihrer zwölf Jahre in Vietnam in einem Buch niedergeschrieben, das im Herbst 2006 erscheint. „Sicherheitsabstand“ lautet der Titel. (5.229 Zeichen mit Leerzeichen)

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Das Buch „Sicherheitsabstand“ von Veronika Radulovic unter Mitarbeit der im Sudan lebenden Anthropologin Birgit Hussfeld erscheint im Bielefelder Kerber-Verlag. Es umfasst 400 Seiten und kostet 19,95 Euro.

Zwölf Jahre lang hat die Bielefelder Künstlerin Veronika Radulovic in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi gelebt und an der dortigen Hochschule für Kunst unterrichtet.

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Die Bielefelderin Veronika Radulovic war die erste und einzige westliche Gastdozentin an der Hochschule für Kunst in Hanoi.

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Unter dem Titel „Sicherheitsabstand“ hat Veronika Radulovic ein Buch über ihre Jahre in Vietnam geschrieben.

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