Das etwas andere Abitur

Das Oberstufen-Kolleg an der Universität Bielefeld zieht junge Menschen aus ganz Deutschland nach Ostwestfalen

(15.02.2006) Diese Schule ist anders. Das hat sich herumgesprochen. Aus dem gesamten Bundesgebiet, insbesondere aus den neuen Bundesländern, kommen junge Menschen nach Bielefeld, um am Oberstufen-Kolleg ihr Abitur zu machen. Die Frauen und Männer sind zwischen 18 und 25 Jahre alt, unter ihnen viele ohne die üblicherweise erforderliche Qualifikation für die gymnasiale Oberstufe (Q-Vermerk). „Das Oberstufen-Kolleg leistet einen Beitrag zur Chancengleichheit. Wir fördern gezielt gesellschaftlich Benachteiligte und junge Menschen, die bisher im Bildungssystem gescheitert sind“, betont Kollegleiter Dr. Hans Kroeger.

Pro Jahr gehen rund 400 Bewerbungen am Oberstufen-Kolleg ein. Maximal 220 Bewerber können angenommen werden. Besonders stolz ist man in Bielefeld darauf, dass über 50 Prozent der Absolventen ein Hochschulstudium aufnehmen und dieses auch abschließen. Vor dem Hintergrund, dass etwa 50 Prozent der Bewerber über keinen Q-Vermerk verfügen, viele einen Migrationshintergrund und daher sprachliche Defizite haben, ist dieser Erfolg beachtlich. „Wir setzen ganz bewusst auf eine heterogene Kollegiatenschaft, denn wir wollen das interkulturelle Lernen fördern“, erklärt Dr. Hans Kroeger. „Unsere Kollegiaten kommen aus verschiedenen sozialen Schichten, Ländern und Kulturen. Heterogenität ist sowohl Bedingung als auch Chance des Lernens.“

Ausgezeichnet: Sozialprojekt Daular
Als UNESCO Projektschule fördert das Oberstufen-Kolleg schwerpunktmäßig die Erziehung zu internationaler Verständigung und Zusammenarbeit. Im Januar 2006 wurde die Bielefelder Ganztagsschule von der UNESCO ausgezeichnet, die das Sozialprojekt „Daular“ zum „Offiziellen Projekt der UN-Weltdekade 2006/2007“ erklärte. Seit 1998 kooperiert das Oberstufen-Kolleg mit der Polytechnischen Hochschule ESPOL und dem Colegio Alemán in Guayaquil, Ecuador. Daular ist eine kleine Gemeinde, etwa eine Autostunde von Guayaquil entfernt. Bielefelder Kollegiatinnen und Kollegiaten reisen im Rahmen des Projekts einmal im Jahr für einen vierwöchigen Arbeitseinsatz nach Südamerika. Bislang entstanden so unter anderem ein Gewächshaus, ein Fischzuchtteich, eine Öko-Finca und eine Tischlerwerkstatt.

Trotz herausragender Erfolge, die auch in Evaluationsstudien belegt wurden, hat sich das Oberstufen-Kolleg immer wieder mit Eingriffen der Politik und Sparzwängen auseinandersetzen müssen. Vor vier Jahren kam die damals rot-grüne Landesregierung zu dem Entschluss, dass das ursprüngliche Konzept des Oberstufen-Kollegs hinreichend erprobt wurde und nicht umsetzbar sei. Die Konsequenz: Struktur und Anspruch des Oberstufen-Kollegs wurden geändert. Die ursprünglich vierjährige Kollegzeit wurde auf drei Jahre verkürzt. Es ist nicht mehr möglich, parallel zum Abitur ein Grundstudium an einer Universität abzuschließen.

Der Bildungsanspruch jedoch ist derselbe geblieben. Ziel ist es, die Schülerinnen und Schüler auf ein anschließendes Studium vorzubereiten. Dr. Hans Kroeger: „Wir arbeiten eng mit den Fakultäten an der Universität Bielefeld zusammen. Unsere Kollegiaten können Kurse an der Uni besuchen und sie später auf ihr Studium anrechnen lassen. Unser Fächerangebot ist das größte in NRW. Derzeit können unsere 600 Kollegiaten aus 25 Studienfächern wählen.“

Das Oberstufen-Kolleg verbindet klassische Allgemeinbildung und Spezialisierung. „Seit 2002 sprechen wir von drei Unterrichtsgelegenheiten“, erklärt Dr. Hans Kroeger. Jeder Kollegiat wählt zwei Studienfächer aus. Sie sind vergleichbar mit Leistungskursen am Gymnasium. Daneben gibt es einen allgemeinbildenden Bereich, die Grundkurse. Sie sind im Gegensatz zu herkömmlichen Grundkursen an Gymnasien fächerübergreifend und themenbezogen. Die Kollegiatinnen und Kollegiaten lernen so, Methoden verschiedener Fachdisziplinen anzuwenden. Der dritte Baustein sind die Basiskurse in Mathematik, Deutsch, Informatik und Englisch oder in einer anderen Fremdsprache.

Einmaliges Forschungskonzept
1974 gründete der Bielefelder Pädagoge Hartmut von Hentig die Laborschule und das Oberstufen-Kolleg an der Universität Bielefeld. Beides sind Versuchsschulen des Landes Nordrhein-Westfalen. Die hier erprobten Lehr- und Lernformen sowie Lerninhalte werden wissenschaftlich begleitet und ausgewertet.

Im November 2004 wurde Prof. Dr. Josef Keuffer Wissenschaftlicher Leiter des Oberstufen-Kollegs. Als Wissenschaftliche Einrichtung werden an der Ganztagsschule neue Unterrichtsinhalte, Lehrmethoden, Verfahren der Lernstandserhebung, der Evaluation von Unterricht sowie der Leistungsbeurteilung entwickelt und erprobt. Keuffer leitet ein Team von Wissenschaftlern, die im Oberstufen-Kolleg Forschungsarbeiten eigenständig oder in Zusammenarbeit mit Lehrenden durchführen. „Sie sind zugleich Forscher, die ihre Lehrinhalte und Methoden täglich erproben und evaluieren“, so Prof. Dr. Josef Keuffer. „Unsere Büros sind im Oberstufen-Kolleg, denn die räumliche Nähe fördert den ständigen Austausch mit den Lehrenden und Lernenden.“

In der Bundesrepublik einmalig ist das Forschungskonzept, das drei verschiedene Forschungsmethoden – Grundlagenforschung, Evaluationsforschung und Lehrerforschung – miteinander verbindet. Von dieser Herangehensweise versprechen sich die Bielefelder Wissenschaftler eine mehrperspektivische Sicht auf Schule und Unterricht und darüber hinaus mehr Effizienz und Produktivität.

2005 unterzog sich das Oberstufen-Kolleg im Auftrag des Rektorats der Universität Bielefeld einem Peer-Review. „Peer-Reviews in der Schulentwicklung sind in Deutschland eine Ausnahme. Meist führen Schulen eine interne Evaluation durch“, so der Wissenschaftliche Leiter. Ein sechsköpfiges, hochkarätig besetztes Expertenteam begutachtete unter der Leitung des Erziehungswissenschaftlers Prof. Dr. Jürgen Oelkers (Universität Zürich) das Oberstufen-Kolleg. Als Experten waren zudem Prof. Dr. Wilfried Bos als Leiter des Dortmunder Instituts für Schulentwicklungsforschung (IfS) und Dr. h.c. Hermann Lange als ehemaliger Vorsitzender des PISA-Beirats beteiligt. Beide gehören seit Januar 2006 dem neuen Wissenschaftlichen Beirat des Oberstufen-Kollegs an. „Auf der Basis des Abschlussberichts erarbeiten wir derzeit einen langfristigen Schulentwicklungsplan, der im Sommer 2006 dem Schulministerium in Düsseldorf vorgestellt wird“, erklärt Josef Keuffer. „Die Experten bestätigen uns, dass das Oberstufen-Kolleg ein einmaliges Potenzial hat, das zukünftig noch stärker auf zentrale Fragen der Schulentwicklung und Forschung ausgerichtet werden soll.“ (6.459 Zeichen mit Leerzeichen)

Kontakt:
Dr. Hans Kroeger
Kollegleiter
Universitätsstraße 23
33615 Bielefeld
Telefon: 05 21-106-28 60
Telefax: 05 21-106-29 67
E-Mail: Externer Link hans.kroeger@uni-bielefeld.de

Prof. Dr. Josef Keuffer
Wissenschaftlicher Leiter des Oberstufen-Kollegs
an der Universität Bielefeld
Universitätsstraße 23
33615 Bielefeld
Telefon: 05 21-106-28 62
Telefax: 05 21-106-29 67
E-Mail: Externer Link josef.keuffer@uni-bielefeld.de
Externer Link www.uni-bielefeld.de/OSK/

Einen ausführlichen Bericht über die Bielefelder Laborschule hat der Medienservice Bielefeld bewegt im Dezember 2004 unter dem Titel „30 Jahre Bielefelder Laborschule: Vorreiter für die Schule von morgen“ (31/2004) veröffentlicht.

In ständigem Austausch: Prof. Dr. Josef Keuffer, Wissenschaftlicher Leiter des Oberstufen-Kollegs (r.) und Dr. Hans Kroeger, Leiter des Oberstufen-Kollegs.
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Ausgefallene Architektur: Charakteristisch für das Oberstufen-Kolleg ist der Großraum. Auf offenen Unterrichtsflächen können mehrere Gruppen gleichzeitig arbeiten. Mit Hilfe von Stellwänden entstehen Unterrichtsfelder. Daneben gibt es eine Bibliothek, Computerarbeitsplätze, Laboratorien, Musikräume und Werkstätten.
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Viel Grün, viel Platz: Selbstständiges Arbeiten im Team oder auch allein bereitet auf das Hochschulstudium vor. Lehrende und Lernende am Oberstufen-Kolleg duzen sich, denn „die Zurücknahme formaler Hierarchien“ und die „gemeinsame Entscheidungsfindung“ gehören zu den Grundsätzen der Versuchsschule. Auch Noten werden erst im Abschlusszeugnis erteilt.
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