An der Schnittstelle zwischen Arzt und Patient

Bundesweit einzigartig: Die Bielefelder Fakultät für Gesundheitswissenschaften

(21.02.2005) Die Zeiten, in denen Patienten die medizinischen Dienstleistungen eher passiv konsumiert haben, sind vorbei. Weil sie immer häufiger zuzahlen müssen, wollen sie als mündige Akteure ernst genommen werden. An der Universität Bielefeld hat man früh die Bedeutung von Kommunikation im Gesundheitswesen erkannt. Hier werden bereits seit 1989 Gesundheitswissenschaftlerinnen und Gesundheitswissenschaftler ausgebildet, seit 1994 an einer eigenständigen Fakultät. Mehr als zehn Jahre nach ihrer Gründung nimmt die erste und bis heute einzigartige Einrichtung dieser Art im deutschsprachigen Raum noch immer eine Vorreiterrolle ein.

Die acht eigenständigen Arbeitsgruppen des Fachbereichs überzeugen durch bewusst anwendungsorientierte Projekte. In Kooperation mit der Lufthansa AG werden Krebsrisiken beim Flugpersonal untersucht. Für die Spitzenverbände der Krankenkassen wurden neue Formen der Patienten- und Verbraucherberatung erforscht. Neben verschiedenen lokalen und regionalen Institutionen wie die von Bodelschwinghschen Anstalten Bethel setzen eine Reihe von Städten und Bundesministerien auf die Forscher aus Bielefeld.

Die Bielefelder waren auch gefragt, als die Weltgesundheitsorganisation WHO in Genf ein weltweites Überwachungssystem zu gesundheitlichen Risikofaktoren im Schulalter einrichtete. „Gesundheitswissenschaften tragen zu einem effektiven und effizienten Gesundheitswesen bei“, erklärt der renommierte Bielefelder Sozialwissenschaftler und Gründungsdekan Prof. Dr. Klaus Hurrelmann. „Wir bilden Fachleute aus, die sich mit Organisationsproblemen des gesamten Versorgungsnetzes beschäftigen und für eine verbesserte Kommunikation zwischen Arzt und Patient sorgen.“

1994 ernannte die Weltgesundheitsorganisation die Fakultät zum WHO Collaborating Center – ein Status, den weltweit nur wenige Schools of Public Health besitzen. Das weltumspannende Netz von Kollaborationszentren unterstützt die WHO bei Forschungsarbeiten wie bei der internationalen Studie „Health Behaviour in School Children (HBSC)“. Der Gesundheitssurvey ist primär auf die gesundheitlichen Verhaltens- und Lebensmuster von Jugendlichen zwischen 10 und 17 Jahren ausgerichtet und machte Hurrelmann zu einem viel zitierten Gesprächspartner der Medien: Das Bielefelder Collaborating Center betreute das Projekt in Deutschland federführend.

In der Ostwestfalen-Metropole wurden 5.600 der weltweit insgesamt über 160.000 Jugendlichen interviewt und die Ergebnisse ausgewertet. „Der Gesundheitsstatus der jungen Generation weist erhebliche Defizite auf“, fasst der 61-Jährige die Ergebnisse zusammen. „Klassische Infektionskrankheiten und chronische Leiden spielen keine große Rolle mehr. Zu beobachten ist aber ein Trend zu immer mehr psychosomatischen und mentalen Störungen bei Kindern und Jugendlichen. Sie rauchen und trinken zu viel und treiben zu wenig Sport.“

Als Co-Autor der letzten Shell-Jugendstudie kennt der Bielefelder die junge Generation mit ihren Lebensentwürfen, Wertvorstellungen und Gefährdungen wie nur wenige andere. In zahllosen Veröffentlichungen auf den Gebieten Sozialisation, Bildung, Erziehung, Familie, Kindheit, Jugend, Gesundheit und Krankheit kommentiert Hurrelmann Befunde, fragt nach der veränderten Rolle von Eltern, Lehrern und dem gesellschaftlichen Klima. In der Fachwelt ist Hurrelmann als Herausgeber von Fachzeitschriften und Buchreihen bekannt, darunter eine Art „Gesundheits-PISA“, die „International Studies in Child and Adolescent Health“.

Als eine der ersten Fakultäten in Deutschland haben die Gesundheitswisssenschaften in Bielefeld schon 2002 auf die dreistufige Ausbildung Bachelor, Master und Doktor umgestellt. Die Resonanz auf das Angebot ist groß: Mehrere hundert Studierende bewerben sich jährlich. Als Ergänzung zum Master kann das Zertifikat „European Master of Public Health“ erworben werden, mit dem die Fakultät gezielt auf den zusammenwachsenden Markt für Gesundheitsprofessionen in Europa vorbereitet. Als dritte Stufe der Ausbildung wird ein Promotionsstudiengang mit dem Abschluss „Doctor of Public Health“ angeboten. Daneben gibt es ein viersemestriges, gebührenpflichtiges Fernstudium, das sich an Praktiker aus Gesundheitsberufen richtet.

Bisher ist es an anderen deutschen Universitäten nicht gelungen, Fakultäten für Gesundheitswissenschaften aufzubauen: „Um eine eigenständige School of Public Health zu etablieren, müssen zahlreiche Bezugsdisziplinen wie Demografie, Ökonomie, Soziologie, Pädagogik, Medizin und Epidemiologie gleichberechtigt innerhalb eines Fachbereichs angeboten werden.“ Und genau da liegen die Schwierigkeiten an anderen Unis – Gesundheitswissenschaften verbinden nicht nur mehrere Einzeldisziplinen, sondern auch die damit verbundenen unterschiedlichen Ansätze, Theorie- und Methodenorientierungen. „Und nicht zuletzt müssen auch einander völlig fremde Fachsprachen miteinander vereinbart werden“, gibt Klaus Hurrelmann zu bedenken. „Aber Kommunikation haben wir ja gelernt.“

Fakultät für Gesundheitswissenschaften an der Universität Bielefeld: Sprungbrett in eine Wachstumsbranche

Drei Jahre dauert der Bielefelder Studiengang „Bachelor of Health Communication“. Die Absolventinnen und Absolventen haben gute Berufschancen in der Gesundheitsförderung und -aufklärung. Potenzielle Arbeitgeber sind Krankenkassen, Beratungsstellen, Sozialdienste und Personalabteilungen in Unternehmen, Krankenhäusern und kommunalen Verwaltungen, aber auch Marketing- und PR-Agenturen.

Die bislang rund 465 Absolventinnen und Absolventen des zweijährigen Studiengangs „Master of Public Health“ sind heute in nationalen und internationalen Forschungseinrichtungen, in Institutionen der Weltgesundheitsorganisation WHO oder in Referenten- und Leitungsfunktionen verschiedener privater und öffentlicher Einrichtungen des Gesundheitswesens tätig.

Die Fakultät für Gesundheitswissenschaften, mit rund 700 Studierenden die kleinste Fakultät an der Universität Bielefeld, verfügt über acht Arbeitsgruppen mit acht Lehrstühlen und 68 wissenschaftlichen Mitarbeitern. Insgesamt hat die Fakultät seit ihrer Gründung über 30 Millionen Euro an Drittmitteln eingeworben.

Neben dem Kollaborationszentrum für die Weltgesundheitsorganisation betreibt sie die wissenschaftlichen Geschäftsstellen der Forschungsverbünde Rehabilitationswissenschaften und Pflege (Pflegeforschungsverbund NRW), die neue patientenorientierte Konzepte entwickeln. Außerdem forscht die Fakultät zu Themen wie Management im Gesundheitswesen, Umwelt und Gesundheit oder Demografie und Gesundheit.

Kontakt:

Prof. Dr. Klaus Hurrelmann
Universität Bielefeld
Fakultät für Gesundheitswissenschaften
School of Public Health – WHO Collaborating Center
Postfach 10 01 31
33501 Bielefeld
Telefon: 05 21-1 06-46 69
Telefax: 05 21-1 06-64 33
E-Mail: Externer Link klaus.hurrelmann@uni-bielefeld.de
Externer Link www.uni-bielefeld.de



„Unsere Studiengänge spiegeln die Umstrukturierungen des Gesundheitswesens wider.“ Prof. Dr. Klaus Hurrelmann, 1994 Gründungsdekan der Fakultät für Gesundheitswissenschaften an der Universität Bielefeld und Leiter des Collaborating Center Jugendgesundheit der Weltgesundheitsorganisation WHO.

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Bild: Susanne Freitag

Die Universität Bielefeld hat als erste Universität im deutschsprachigen Raum eine Fakultät für Gesundheitswissenschaften aufgebaut. Keiner anderen Universität ist dies bis heute gelungen.

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