Friedrich Wilhelm Murnau: Von Bielefeld nach Hollywood

Einer der weltweit bedeutendsten Filmregisseure wurde in Bielefeld geboren

(14.12.2004) Am 28. Dezember 1888 erblickt in einem Haus in der Bielefelder Bahnhofstraße Friedrich Wilhelm Plumpe das Licht der Welt. Der Sohn eines Tuchhändlers und einer Lehrerin entwickelt sich zu einem Träumer und Phantasten. Er liebt das Puppenspiel, das Theater und die Literatur: Schon im Alter von zwölf Jahren kennt der kleine Friedrich Wilhelm die Werke von Nietzsche und Schopenhauer. Als junger Mann legt er seinen wenig poetischen Nachnamen ab und nennt sich fortan Murnau – ein Name, der Filmgeschichte schreiben wird. Denn bis heute gilt Friedrich Wilhelm Murnau (1888-1931) als einer der bedeutendsten und einflussreichsten Filmregisseure der Welt.

21 Stummfilme hat Friedrich Wilhelm Murnau nach dem Ende des Ersten Weltkriegs gedreht, zehn von ihnen sind erhalten. „Murnau war nicht nur der erste Regisseur, der vornehmlich an Originalschauplätzen drehte, sondern hat mit jedem seiner Filme ein neues Genre erfunden“, sagt Christiane Heuwinkel, Vorsitzende der 1988 gegründeten Friedrich Wilhelm Murnau-Gesellschaft Bielefeld. 1921 lässt Murnau einen Schauspieler mit dem bezeichnenden Namen Max Schreck als schwarz gekleidete Gestalt mit fahlem Gesicht, langen Zähnen, spinnenartigen Fingern und dem eigenen Sarg unter dem Arm durch die Straßen der fiktiven Stadt Wisborg schleichen. „Nosferatu. Eine Symphonie des Grauens“ ist der erste Vampirfilm und prägt dieses Genre bis heute. Immer wieder lassen sich Regisseure von Murnaus „Nosferatu“ inspirieren: von Werner Herzogs „Nosferatu – Phantom der Nacht“ mit Klaus Kinski über Francis Ford Coppolas „Bram Stokers Dracula“ bis zu dem im Jahre 2002 entstandenen „Shadow of the Vampire“ mit John Malkovitch und Willem Dafoe, einem Film, der die Entstehungsgeschichte von „Nosferatu“ thematisiert.

Mit „Der letzte Mann“, in dem Emil Jannings einen erniedrigten Hotelportier verkörpert, gelingt Friedrich Wilhelm Murnau 1924 der internationale Durchbruch. Hier setzt der innovationsfreudige Regisseur erstmals die „fliegende Kamera“ ein: Um den Rauch einer Zigarre zu verfolgen, schnallt er die Kamera auf eine Feuerwehrleiter und bewegt diese. „Der letzte Mann“ feiert auch in den USA Triumphe und ebnet Murnau den Weg nach Hollywood. 1926 dreht er mit „Sunrise“ seinen ersten Film in Amerika. Drei Jahre später zieht es den gebürtigen Bielefelder gar in die Südsee. Mit „Tabu“, von 1929 bis 1931 auf Bora-Bora entstanden, schafft er eine stilbildende Symbiose aus Dokumentation und Melodram.

Sämtliche Ersparnisse hat Friedrich Wilhelm Murnau in „Tabu“ gesteckt, und so kehrt er ohne einen Cent in der Tasche zurück nach Hollywood. Die Premiere seines Südsee-Films wird er jedoch nicht mehr erleben: Eine Woche vor der Uraufführung stirbt er am 11. März 1931 im Alter von nur 42 Jahren bei einem Autounfall in Kalifornien.

Erst fast fünf Jahrzehnte später tritt der aus kulturgeschichtlicher Sicht größte Sohn Bielefelds in seiner Geburtstagsstadt wieder ins Bewusstsein. 1976, anlässlich seines 45. Todestages, werden in einem Programmkino eine Woche lang Murnau-Filme gezeigt. Zu Murnaus 100. Geburtstag im Jahre 1988 gründet sich schließlich die Friedrich Wilhelm Murnau-Gesellschaft. Ihr Ziel ist die Erhaltung, Erforschung und Verbreitung des Stummfilms, vor allem aber der Werke Murnaus. Bereits seit 15 Jahren veranstalten die Murnau-Anhänger aus Bielefeld das renommierte Film&MusikFest mit Stummfilmen und Livemusik; sechs Mal wurden zeitgenössische Filmemacher wie etwa Wim Wenders, Eric Rohmer und Werner Herzog mit dem Murnau-Filmpreis ausgezeichnet. Darunter auch der eigenwillig-exzentrische Münchner Herbert Achternbusch, der seine Freude über die Auszeichnung dadurch zum Ausdruck brachte, dass er die fest zugesagte persönliche Teilnahme an der Preisübergabe kurzfristig mit den Worten: „Nichts gegen Murnau, aber ich hoffte immer, dass mir Bielefeld erspart bliebe“ absagte.

„Friedrich Wilhelm Murnau ist zweifellos eine der innovativsten, perfektionistischsten, vielseitigsten und auch intellektuellsten Persönlichkeiten der Filmgeschichte“, beschreibt Christiane Heuwinkel, Vorsitzende der Murnau-Gesellschaft, die herausragende Bedeutung des Stummfilmregisseurs aus Bielefeld. Bis heute berufen sich Filmregisseure voller Bewunderung auf Murnau, greifen seine legendären Schattenwürfe, die Ökonomie der Bildgestaltung und die Umsetzung mythischer Stoffe in ein technisches Medium auf.

Vorbildcharakter besitzt Murnau auch für den Bielefelder Filmemacher, Video- und Fotokünstler Matthias Müller. „Murnau gehört zu den Künstlern, die mich stark beeindruckt und beeinflusst haben“, sagt der 43-jährige Preisträger zahlreicher Filmpreise wie etwa dem Preis der Deutschen Filmkritik, der ihm bereits drei Mal verliehen wurde. Seit mehr als 15 Jahren ist Müller auf international renommierten Festivals vertreten, und bereits 1994 widmete ihm das New Yorker Museum of Modern Art eine Werkschau. Dem großen Murnau hat Matthias Müller, der in Köln eine Professur für Experimentellen Film innehat, in einem seiner Filme ein Denkmal gesetzt: In dem 14-minütigen „Sleepy Haven“ – Anfang 2005 als Videoinstallation in der Thomas Erben Gallery in New York zu sehen – arbeitet er mit Bildern aus Murnaus „Nosferatu“. (5.190 Zeichen mit Leerzeichen)

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